Daß sich gegenwärtig auf dem deutschen Aktienmarkt keine klare Linie durchsetzen kann, überrascht nicht. Auch in New York und Tokio kommt es zu ständigen Schwankungen. An den deutschen Börsen ist die Nervosität verständlich. Die Vorkommnisse in der DDR, die bevorstehenden Volkskammerwahlen und vor allem der Zinsanstieg lassen auf der Käuferseite kaum Unternehmungslust aufkommen – jedenfalls reicht auf dem zur Zeit erreichten Kursniveau. Kommt es allerdings zu deutlichen Kursrückschlägen, finden sich stets Anleger, die bereit sind, auf ermäßigter Basis einzusteigen.

Auch die Ausländer haben sich nicht völlig vom deutschen Aktienmarkt zurückgezogen, aber sie kaufen nicht mehr zu jedem Preis. Nach wie vor herrscht die Ansicht vor, daß der deutsche Aktienmarkt wegen der Umwälzungen in der DDR sowie in Mittel- und Osteuropa längerfristig als chancenreich zu gelten hat, daß aber dringend die Lasten abgeklärt werden müssen, die durch eine Vereinigung mit der DDR auf die Bundesrepublik zukommen.

Die in diesem Punkt herrschende Ungewißheit ist ein Grund dafür, daß sich die Empfehlungen der Banken, weiterhin Aktien mit „Ostphantasie“ zu erwerben, kaum noch als zugkräftig erweisen. Selbst die Papiere der Stromerzeuger, bei denen sich wegen der schon im Gange befindlichen Stromlieferungen in die DDR die begonnene Zusammenarbeit am ehesten in der Bilanz niederschlagen dürfte, treten mehr oder weniger auf der Stelle.

Es spricht aber für die im Grunde zuversichtliche Stimmung, daß die gegenwärtigen Kapitalerhöhungen – abzulesen am Beispiel MAN – keinen zusätzlichen Kursdruck verursachen. Auch die Kapitalaufstockung des Volkswagenwerks dürfte kaum auf Schwierigkeiten stoßen.

Eine neue Lage ist nach Meinung vieler Börsianer bei der Feldmühle Nobel AG (Feno) mit dem Einstieg des schwedischen Papierkonzerns SCA entstanden. Zwar haben die Schweden nur fünf Prozent des Feno-Kapitals, können aber wohl auf die Unterstützung einer Gruppe von Aktionären bauen, die 25 Prozent des Kapitals hält. Da sich dieses Paket auf mehrere Eigentümer verteilt, hat diese Gruppe auf Feno-Hauptversammlungen volles Stimmrecht, während Mehrheitsaktionär Veba wegen der Stimmrechtsbeschränkung nur jeweils fünf Prozent in die Waagschale werfen kann. Verkauft die Veba ihr Paket, macht sie ein gutes Geschäft, denn sie hat es weit unter dem heutigen Börsenkurs erworben. K. W.