Von Christine Möllhoff

Im Zug der Deutschen Reichsbahn riecht es nach Schweiß und Leberwurstbroten. Heimkehrer mit müden, verschlafenen Gesichtern drängen sich in den Sechserabteilen, vollbepackt mit Kartons und Tragetaschen. Die Plastiktüten aus den westlichen Kaufhäusern begegnen uns später in den Straßen wieder, kleine Trophäen vom Einkaufsbummel in der Bundesrepublik. Bahnfahren in der DDR ist nichts für Eilige. Man braucht viel Zeit. Die etwa 120 Kilometer lange Fahrt von Hamburg nach Ludwigslust dauert drei Stunden. Am Bahnhof gibt es keine Kofferkulis und Fahrkartenautomaten. Und auch keinen Hinweis auf eine Zimmervermittlung oder Hotels. Wir machen uns auf die Suche. Eine breite Allee führt zur Innenstadt. Auf dem grauen Kopfsteinpflaster leuchten die bonbonfarbenen Trabis wie nachträglich colorierte Farbtupfer. Der "Hamburger Hof" ist voll, das nobler aussehende "Parkhotel" wegen "Hygienearbeiten" geschlossen. Erst am anderen Ende der Stadt, die Ernst-Thälmann-Straße hoch, haben wir Glück. Im "Mecklenburger Hof" ist noch ein Doppelzimmer frei. Das Vorkriegsgebäude riecht, wie alte Gebäude riechen, ein wenig muffig. In der Rezeption verbreiten Plastiktulpen spießige Gemütlichkeit, an der Wand hängende handbeschriebene Zettel geben "Tips für die Hausarbeit": "Frottierhandtücher werden wieder flauschig, wenn man sie nach dem Waschen und Spülen in Salzwasser legt."

Der "Mecklenburger Hof" hat zehn Gästezimmer und ein Klo für alle. Eine Dusche? "Nein, die gibt es nicht." Die alte, grauhaarige Frau an der Rezeption, die strickend die Zeit absitzt, zuckt resignierend mit den Schultern. "Bei uns muß sich noch viel ändern", sagt sie traurig, als müsse sie sich entschuldigen. Das Zimmer ist einfach eingerichtet: ein braves Doppelbett mit Besucherritze, auf dem die weißen Kopfkissen schräg und aufrecht wie kecke Soldatenkappen mit einem Knick in der Mitte strammstehen; ein Schrank mit glänzend-gemasertem Holzfurnier, ein Tischchen, drei Stühle und ein Waschbecken, das mit einem kleinen elektrischen Boiler nachträglich mit Warmwasser aufgerüstet wurde. Sogar einen Kühlschrank, einen neuen Schwarzweißfernseher der Marke Robotron und gleich ein paar Aschenbecher gibt es. Man raucht viel in der DDR. Von der Straße her dringen Lärm und Abgase von Trabis, Lkw und Mofas durchs Fenster.

Einst war Ludwigslust, das knapp vierzig Kilometer nördlich von Schwerin liegt, Residenzstadt der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin. Von alten, herrschaftlichen Zeiten zeugt das Schloß. Der Spätbarockbau erhebt sich mitsamt einer katholischen Kirche, Park und Kaskade am Rand der Innenstadt. Heute residieren hier die Volksbildung und andere kommunale Ämter. Nur wenige Räume sind zu besichtigen. Um dreizehn und vierzehn Uhr. "Und auch nur dann", teilt der Pförtner, der pflichtbewußt und uniformiert den Weg ins Innere überwacht, trotz drängender Bitten unnachgiebig mit. Ordnung muß sein, auch in Zeiten der Revolution.

Wir beschließen, statt dessen die Innenstadt, insbesondere Gastronomie und Geschäfte, zu besichtigen. Offiziell gibt es drei Cafés. Zwei sindgeschlossen, eines ist nicht auffindbar. Dazu verbreiten eine Handvoll Gaststätten den Charme verräucherter, miefiger Dorfkneipen. Die Auslagen in den Geschäften sind karg. Zwar gibt es reichlich Fleisch, aber wenig Gemüse: Kartoffeln, ein paar kümmerliche Kohlkopfsorten und einige unförmige, fleckige Cuba-Orangen, die nicht mit den makellosen, genormten Südfrüchten an westdeutschen Gemüseständen konkurrieren können.

Die Innenstadt von Ludwigslust erinnert wie viele Provinzstädte der DDR an die Motive vergilbter Photographien aus der Vorkriegszeit. So etwa müssen deutsche Städte vor dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen haben. Fast unverändert liegt der kleine Stadtkern da, verfallen zwar und ungepflegt, aber weitgehend verschont von modernen Scheußlichkeiten der phantasielosen, sterilen Nachkriegsarchitektur. Doch die maroden Gebäude, die so nötig renoviert werden müßten und von denen wohl viele nicht mehr zu retten sind, haben für den Besucher aus dem Westen einen verwahrlosten Reiz. Die bröckelnden Fassaden besitzen selbst in ihrem verfallenden Zustand mehr Anmut und Charme als die leblosen Betonwüsten neueren Datums hüben wie drüben. Eine stille, fast ein wenig melancholische Schönheit geht von der Innenstadt aus. Wer aber möchte in diesen feuchten, zugigen Wohnungen leben, in diesen Häusern, deren Wände von Rissen durchzogen und deren Fensterscheiben nur notdürftig mit Plastikfolien gegen Nässe abgedichtet sind? Abends, nach einem ausgedehnten Streifzug durch die Vergangenheit, kehren wir hungrig in den "Mecklenburger Hof" zurück, dessen Gaststätte den vertrauenerweckenden Eindruck gediegener Bürgerlichkeit macht. Es ist voll. Im kleinen Flur warten gedrängt und schwatzend Einheimische und Touristen darauf, einen Platz zugewiesen zu bekommen. "Zu den Essenszeiten mußte man schon früher in den Gaststätten anstehen", erzählt eine brünette Mittvierzigerin. "Seitdem die Westler kommen, geht schon mal das Essen aus."

Nach einer Viertelstunde befiehlt uns die Kellnerin zu einem jungen Paar an einen kleinen Vierertisch. Beide sind vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Er trägt einen zu engen, braunen Polyesterpulli, sie ein schwarzes Sweatshirt und Jeans. Ost oder West? Wir mustern uns kurz aus den Augenwinkeln, schweigen befangen und starren auf die Tischdecke, die mit kleinen weißen Flicken übersät ist. Endlich bringt die Kellnerin den Kaffee. Der ist in Nachkriegsmanier mit Satz gebrüht und ein willkommener Gesprächsanlaß. Er komme aus Leipzig, sächselt der Junge. Das Mädchen wohnt jetzt in Gelsenkirchen. Am 5. November sei sie über die bundesdeutsche Botschaft in Prag nach drüben. Nein, sie bereue es nicht. Der Westen sei doch etwas anderes. Mit seinen Einkaufsstraßen und Kaufhäusern, seinen Diskotheken und Rummelplätzen. Hier "bei denen im Osten" sei ja nichts los, alles so häßlich und die Kleidung so "zonimäßig", sagt sie und streicht sich kurz durch die schwarzgefärbten Haare. Jetzt besucht sie ihre Eltern in Ludwigslust, und er ist eigens mit dem Mofa die 230 Kilometer von Leipzig gekommen, nur um sie zu sehen. Ob sie zusammen seien und wie das jetzt nach der Trennung geht, wollen wir wissen. Der Junge schaut fragend das Mädchen an. Sie senkt den Blick, schaut auf den Teller mit dem Schnitzel "Hawaii", den Kartoffeln und der mickrigen Portion Rotkohl und schweigt. "Haben Sie noch einen Wunsch?" fragt die Kellnerin.