Von Werner Weidenfeld

Die Weltpolitik hat ihre Struktur grundlegend verändert. Neue Gravitationsfelder der Macht sind entstanden; die bisherigen Faktoren haben ihr Gewicht verändert. Die Statik der internationalen Politik ist neu zu berechnen. Ein prägender Ausschnitt des politischen Lebens ist davon in besonders herausragender Weise berührt: die Rolle und der Status der bisherigen Supermächte USA und Sowjetunion. Das, was sich in unserer Zeit eher unbemerkt in den Tiefendimensionen der internationalen Politik vollzieht, das werden künftige Historiker zu den großen Umbruchphasen der weltpolitischen Formation zählen: Die Architekten der Nachkriegsordnung, USA und Sowjetunion, verlieren Schritt für Schritt das Privileg weltpolitischer Dominanz – und haben sich mit Partnern und Gegnern zu arrangieren.

Es gibt daher wohl kaum ein spannenderes Thema, als Kontinuität und Wandel der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen in den achtziger Jahren neu zu prüfen. Der Frankfurter Politikwissenschaftler Ernst-Otto Czempiel, einer der wenigen herausragenden Kenner der Materie in der Bundesrepublik Deutschland, hat sich dieser Aufgabe unterzogen und ein Werk von großem Format vorgelegt, Quellen, Daten und Fakten in Fülle präsentierend, Argumentationslinien entwickelnd, abwägend. Dieses Buch wird lange Bestand haben.

Lange Zeit hindurch war praktisch jeder Sachverhalt in das Ost-West-Schema einzuordnen. Dieser Dualismus ist jetzt vorbei. Der Übergang zur Multipolarität hat die Zahl der weltpolitischen Akteure wesentlich erhöht und damit auch die Zahl der Kooperations- und Konfliktmuster. Neben die USA und die Sowjetunion sind inzwischen ja Länder und Regionen getreten wie die Volksrepublik China, Japan, Westeuropa, Schwellenmächte wie Indien, Brasilien, Mexiko, der pazifische Raum, Israel, die rohstoffproduzierenden Länder des Islam. Der Übergang von der Bipolarität zur Multipolarität hat eine zentrale Konsequenz: die Relativierung früherer Machtstrukturen. Bipolar ist die Welt nur noch in schmalen Segmenten der strategischen Nuklearwaffen.

Alle anderen Dimensionen internationaler Politik befinden sich im Gestaltungssog multipolarer Zentren. Macht und Ohnmacht sind zudem nicht mehr statisch zugeordnet, sondern stärker situationsorientiert. Über Macht und Ohnmacht entscheiden viele Aspekte: Verfügung über relevante Rohstoffe oder über wichtiges Know-how, ökonomische Potenz, Besitz von Währungsreserven und Einfluß auf eine Leitwährung, Druck durch risikoreiche Eskalationsbereitschaft, kulturelle Ausstrahlung und Zugriff auf die internationale Medienstruktur, religiös-fundamentalistische Mobilisierungsfähigkeit.

Die Multipolarität übt zudem Druck zu regionalen Zusammenschlüssen aus. Sie macht die internationalen Beziehungen flexibler, komplizierter, variantenreicher. Sie verlangt von allen Akteuren eine höhere Kapazität der Informationsverarbeitung und einen höheren Grad rationalen Kalküls. Die Frage ist, ob und wie die großen Präger der Nachkriegsordnung in Washington und Moskau diese politisch-kulturelle Leistung erbringen.

Czempiel faßt seine Analyse unter dem einprägsamen Bild von der Machtprobe zwischen beiden Supermächten zusammen. Denn tatsächlich sind die achtziger Jahre zunächst kaum geprägt von einem intensiven Einlassen der beiden weltpolitischen Metropolen auf die variantenreichen Differenzierungen der internationalen Politik. Sie traktieren, ja dramatisieren vielmehr den alten Status und die alte Rolle in einem exklusiven Weltmacht-Bilateralismus, so als hatte es allen Wandel der Rahmenbedingungen nicht gegeben. Vielleicht spüren beide Partner, daß ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, um eine solche Rolle in dieser Weise glaubwürdig und nachvollziehbar für sich selbst und für Partner wie Gegner im weltpolitischen Spiel vorzuführen.