Von Marion Gräfin Dönhoff

Washington, im März

Wie war es doch vordem mit Supermächten so bequem! Die Struktur der Bipolarität war vorgegeben, alles hatte seinen festen Platz, die Feindbilder waren und blieben überzeugend: dort die Bösen, hier die Guten, jene wollen uns vernichten, wir müssen uns verteidigen.

Nun, in der post Cold War period, wie man hier sagt, ist diese in Jahrzehnten zur Überzeugung gewordene Ordnung durcheinandergeraten. Seit Foster Dulles in den fünfziger Jahren den Rollback predigte – das Zurückdrängen der Sowjets – bis zu Ronald Reagans „Totrüsten“ und „Auf-die-Knie-Zwingen“, regierte das Freund-Feind-Schema die Welt. Nun ist an die Stelle des klaren Blocksystems eine Vielzahl von Ungewißheiten getreten: verursacht durch die Umwälzungen in Ost- und Mitteleuropa und die plötzlich mit großer Dynamik akut gewordene deutsche Frage, die schwerwiegende Sicherheitsprobleme aufwirft. Verwirrung ist ausgebrochen, Ratlosigkeit breitet sich aus – auch in Washington.

In der vorigen Woche hat CIA-Direktor William Webster vor dem House Armed Service Committee ausgesagt, daß nach seiner Meinung die Sowjetunion „sich vom Militarismus abgewandt hat“, und zwar werde dies, wie er sagte, mit oder ohne Gorbatschow der Fall sein. Am gleichen Morgen trat auch Verteidigungsminister Cheney auf dem Kapitol auf. Seine Aussage: Egal, ob Gorbatschow überlebt oder ersetzt wird, die Aussichten für eine Neuauflage der militärischen Bedrohung durch die Sowjetunion sind höchst gegenwärtig („alive“). In einem Interview sagte er später: „Ganz stark empfinde ich die sowjetische Bedrohung.“ Über diese divergierenden Aussagen gab es dann heftigen Streit zwischen den beiden Herren, die der gleichen Regierung angehören.

Die meisten nachdenklichen Leute in Amerika sind der Ansicht, daß Europa durch die Ereignisse entscheidend gestärkt werde und Deutschland der Hauptgewinner sein wird. Vor allem letzteres erfüllt sie mit einer gewissen Besorgnis, und zwar auf allen entscheidenden Gebieten: politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch. Die Regierung ist zwar klug genug, sich nichts anmerken zu lassen – wahrscheinlich folgt sie Henry Kissingers Rat, die Deutschen nicht zum Widerspruch zu reizen, der in Nationalismus ausarten könnte –, aber in den Unterhaltungen spürt man die besorgte Reserve.

Politisch: „Wir wußten nicht, daß Bonn so leicht erpreßbar ist, wegen einiger Stimmen des rechten Flügels die deutsch-polnische Aussöhnung aufs Spiel zu setzen und in aller Welt das mühsam geschaffene Vertrauen in Deutschlands Zuverlässigkeit zu riskieren.“ Oder: „Bitte erklären Sie mir Ihren Kanzler – wie kann er glauben, daß die Wiedervereinigung nur Deutschland anginge und er daher niemand zu konsultieren oder auch nur zu informieren brauche.“ Einer der großen alten Männer Amerikas, der Deutschland gut kennt und liebt, sagt: „Wenn Kohl jetzt schon so selbstherrlich ist, wie wird er sich erst als Kanzler von Großdeutschland gebärden?“ Der Hinweis darauf, daß die Bundesrepublik und die DDR zusammen nur unwesentlich größer sind als Polen, vermag das Gespenst „Großdeutschland“ nicht zu bannen.