Von Nina Grunenberg

Mit Worten schlägt er keine Wellen. Interviews mag er nicht. Im Fernsehen ist er noch nie aufgetreten. Ein Kanzlerberater ist er auch nicht. Auf den Konferenzen für den internationalen Jet-set aus Politik und Wirtschaft läßt er sich nicht blicken. Auch in den Klatschspalten der Münchner Boulevardblätter taucht er nicht auf. Er lebt zurückgezogen mit seiner Frau und den beiden Töchtern. Fragen nach seinem persönlichen Leben überhört er am liebsten.

Wolfgang Schieren reicht es völlig aus, wenn die Geschäfte, die er als Chef der Allianz macht, des größten und ertragreichsten Versicherungsunternehmens Europas, für ihn sprechen. Die Geldströme, die er bewegt, und die Größenordnung, die er dem Münchner Konzern als „Kapitalsammelbecken“ gegeben hat, machen den 62jährigen Schieren zu einem Leckerbissen für Leute, die wissen, worauf es in unserer Wirtschaftsordnung ankommt. Eigenartigerweise gehörte Erich Honecker dazu. Wolfgang Schieren erzählt die Geschichte beiläufig und eigentlich auch nur, weil sie ihn selber erstaunt hat.

Als der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR im September 1987 die Bundesrepublik besuchte, gab Berthold Beitz, der Krupp-Verweser, zu Ehren des Gastes einen Empfang, zu dem auch Schieren eingeladen war. Er selber bemühte sich nicht um einen persönlichen Händedruck, weil ihm zu viele Leute herumstanden. Doch Honecker bat ihn zu sich. Schieren glaubte zuerst an einen Scherz des Gastgebers. Beitz ist bekannt dafür, daß er seine Gäste auf den Arm nimmt, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet. Doch Honecker meinte es ernst. Er hatte die Gästeliste studiert und wollte Schieren kennenlernen. Er schaue, erklärte er dem verdutzten Versicherungsboß, ab und zu in eine Wirtschaftszeitung, um zu verfolgen, wie die Allianz abschneide. Die deutsche Lebensversicherung imponiere ihm, und er fragte Schieren: „Wie machen Sie das nur – Hunderte von Millionen aus dem Konsum nehmen und auf die Sparseite zu legen?“

Die ewig klammen Machthaber im sozialistischen Lager faszinierte stets, daß mit den eingesammelten Spargroschen weiter gearbeitet und neue Geldströme erzeugt wurden. Aber auch für kapitalistische Ohren klingt das Rezept des Versicherungsgeschäfts wie das Märchen vom Sterntaler: Pro Arbeitstag muß die Allianz siebzig Millionen Mark anlegen, pro Jahr „bringt“ sie zwischen sechs bis sieben Milliarden Mark „unter“ – in Aktien, Anleihen und Immobilien.

Der Allianz gehört heute ein nicht unwichtiger Anteil an der deutschen Industrie. Daß dennoch niemand von der „Macht der Versicherungen“ spricht, hat einen Mann wie Alfred Herrhausen gewurmt. Er selbst mußte bis zu seinem letzten Lebenstag die „Macht der Banken“ rechtfertigen. „Wenn Sie das mal vergleichen“, sagte er in einem Gespräch, das im Mai letzten Jahres stattfand, „die Industriebeteiligungen großer Versicherungen mit denen der Banken, dann werden Sie feststellen, daß die Banken, weil über sie schon so lange gesprochen wird, weit überschätzt werden im Vergleich zu dem, was sich im Bereich der Assekuranz zwangsläufig tut.“

Doch anders als Alfred Herrhausen, der das Rampenlicht suchte und sich gern exponierte, steht Schieren in der Tradition der konservativen deutschen Geschäftswelt. Nichts schätzt er höher ein als Zurückhaltung und Verschwiegenheit. Während die Banken Wert darauf legen, nach Möglichkeit den Aufsichtsratsvorsitz in einem Unternehmen zu besetzen, an dem sie beteiligt sind, bleibt Schieren lieber in der zweiten Reihe. Anders als die Deutsche Bank bei Daimler-Benz beteiligt sich die Allianz nicht an der Geschäftsführung eines Unternehmens. Wenn Schieren die Politik einer „seiner“ Firmen nicht mehr paßt, verläßt er sie. Das ist bitter für den Betroffenen, aber in den Augen von Schieren nur konsequent. „Stick to your knitting“, ist sein Wahlspruch: Schuster, bleib bei deinen Leisten. „Was wir verstehen, ist das Versicherungs- und Geldgeschäft.“