Von Bartholomäus Grill Armut und Enge

Bremen / Hamburg,

Die Mütter trauten ihren Augen nicht, als sie jüngst ihre Kinder in der Turnhalle Fröbelstraße in Bremen-Vegesack abliefern wollten: Handwerker verlegten Spanplatten auf dem Parkett. "Nichts geht mehr", beschieden sie die erstaunten Frauen und Kinder, "demnächst ziehen hier Übersiedler ein." Das war der letzte Anstoß zu handfestem Protest: Erzürnte Eltern, Pädagogen und Sportler besetzten kurzerhand die Halle – eine Selbsthilfemaßnahme von Anwohnern, die sich um eine weitere öffentliche Einrichtung gebracht sahen.

Die Aktion erhielt bundesweit Beifall. Landauf, landab reagiert die Bevölkerung zunehmend allergisch auf die Einwanderungswelle. Die Kommunen sind hoffnungslos überlastet und gezwungen, Kindertagesstätten, Freizeitheime oder Sporteinrichtungen in Notaufnahmelager umzuwandeln.

Unterdessen hat Bremens SPD-Bürgermeister Klaus Wedemeier einen Aufnahmestopp verfügt. Die Besetzer von Vegesack dürfen ihre Turnhalle wieder sportlich nutzen. Doch das Problem ist nicht aus der Welt, die Zuwanderung aus Osteuropa hält unvermindert an.

Der Deutsche Städtetag prophezeit für dieses Jahr 1,5 bis 2 Millionen Aus- und Übersiedler. Rechnet man die aktuellen Zahlen des Bundesinnenministeriums hoch, kommt man immerhin auf mehr als eine Million Neubürger. Allein im Januar und Februar strömten 180 000 Aus- und Übersiedler in die Bundesrepublik. Sie konkurrieren mit den Alteingesessenen um Arbeitsplätze und Wohnungen, die Schulklassen werden enger, Kindergartenplätze knapper. "Das ist Sprengstoff, der den sozialen Frieden gefährdet", warnt Herbert Schmalstieg, Bürgermeister von Hannover und Vizepräsident des Städtetages.

Das kleine Bundesland Bremen kam als erstes an seine Grenzen. Erik Petersen, SPD-Abgeordneter in der Bürgerschaft, bringt den Ärger auf den Punkt: "Die Bremer fürchten, daß durch den Zuzugsdruck ihre Infrastruktur kaputtgeht." Der Unmut der Bevölkerung könne in Haß umschlagen, wenn die Entwicklung anhalten sollte. "Wir wollen mit unserer Selbsthilfe bürgerkriegsähnlichen Zuständen vorbeugen", sagte eine Sprecherin der Hallenbesetzer. Mancher Neuankömmling aus dem Osten hat im Norden Bremens schon unangenehme Erfahrungen gemacht. "Bei einigen Tra- bis wurden über Nacht die Reifen aufgestochen", klagt ein Übersiedler, der in der Turnhalle an der Hechelstraße untergebracht ist.