Vor etwa einem Vierteljahrhundert kannte fast jedermann hierzulande jemanden, der aus eigenem Erleben oder doch von einem Bekannten oder dessen Bekannten zu berichten wußte, wie es ihm bei seinem ersten Besuch in den Vereinigten Staaten ergangen war. Dergestalt nämlich, daß der Reisende abends im Hotel seine Schuhe vor die Zimmertür gestellt habe, sie am nächsten Morgen aber keineswegs geputzt wieder vorfand, sondern nach längerer Recherche erfahren mußte, daß sie als vermeintlicher junk in den Müllcontainer befördert worden waren.

Brave new World, wo man die Schuhe an der Straßenecke von einem shoeshine boy auf Hochglanz bringen lassen konnte, aber nicht im Hotel. Bald darauf hatte uns die amerikanische Modernität eingeholt. Wer miterlebte, wie im Bonner Hotel „Tulpenfeld“, das es längst nicht mehr gibt, ein Gast morgens seine Wildlederschuhe, auf Hochglanz poliert, vor der Tür fand, wird dem Bild verflossener Tage, der Parade ungeputzter Schuhe in den Hotelkorridoren zu später Stunde, nur bedingt nachtrauern.

Seither bietet das Hotel von Format seiner Kundschaft die Möglichkeit, sich ihre teuren Treter mittels Schuhputzmaschinen selber zu restituieren, aber auch zu versauen. Als Ausgleich erfreut den Hotelgast, sobald er sein Zimmer verläßt, ein Endlosband mit sanfter Dudelmusik.

Das Entfallen des Schuheputzens bei gleichzeitiger Einführung von Leistungen, deren man nicht bedarf, markiert eine tiefe zivilisatorische Zäsur zwischen dem, was einmal Service hieß, und dem, was heute Dienstleistung genannt wird, wobei das eine etwas ganz anderes ist als das andere: Es sind sozusagen zwei Paar Schuhe.

Der Service nämlich, bis auf Spurenelemente ausgestorben, richtete sich auf den Menschen und seine individuellen Bedürfnisse. Die Dienstleistung ist eine Offerte an die Allgemeinheit, ihr kann das Individuum entweder gar nicht entgehen oder bestenfalls um den Preis, sich als Schuhputzmaschinist zu betätigen.

Irgendwie beflügelt die Feststellung nicht, daß in der Wirtschaft das Dienstleistungsgewerbe an Raum gewinnt, auch wenn es sich fesch „tertiärer Sektor“ nennen läßt. Wo ist der Service geblieben? Und wieweit werden wir als Mitarbeiter noch in die Dienstleistungen eingespannt werden?

Beim Hotelfrühstück hat man Muße, darüber nachzudenken. Doch der Blick zum kleinen Container auf dem Tisch für leere Konfitürenschachteln und Eierschalen erinnert daran, daß man beim Seifservice am Frühstücksbüfett mal wieder das Ei vergessen hat... Bernhard Wordehoff