Das Ritual findet jährlich mindestens einmal statt. Und so unvermeidlich wie der Bonner Auftritt des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist auch die Reaktion darauf: Die Regierung sieht ihre Politik im Votum des Rates bestätigt, die Opposition in ihrer Kritik daran. Um so überraschender ist, daß die Bundesregierung den sogenannten fünf Weisen jetzt vors Schienbein tritt. Weil dem Kabinett das jüngste Sondergutachten offenbar nicht paßte, in dem die Professoren deutlich auf die Risiken einer übereilten Währungsunion hinweisen, ließ das Kanzleramt noch einen anderen Gutachter urteilen: Der Kölner Wirtschaftswissenschaftler Hans Willgerodt bestätigt nun den Kurs der Bonner Politik.

Im Gegensatz zu Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl oder Sparkassenchef Helmut Geiger brauchte sich der Kölner allerdings nicht zu wenden; er bewertete eine rasche Währungsunion schon früher durchaus positiv. Doch schmälert gerade diese Tatsache den Wert seines Gutachtens für das Kanzleramt. Sich bei einem Wissenschaftler, dessen Ansichten hinreichend bekannt sind, die eigene Politik bestätigen zu lassen, welche der Sachverständigenrat zuvor in Frage stellte, zeugt nicht gerade von Großmut. Wenn der Kanzler auf abweichende Meinungen der Weisen allergisch reagiert, sollte er den Sachverständigenrat abschaffen. hff