Von Gunter Hofmann

Bonn‚ im März

Nein, das politische Jahr 1990 kann er sich so nicht vorgestellt haben. Als Oskar Lafontaines Entschluß reifte, bei der nächsten Bundestagswahl für die SPD gegen Helmut Kohl ins Rennen zu gehen, sah die Welt für ihn und die Sozialdemokraten ganz anders aus.

Nicht abzusehen war, daß Deutschland sich vereinigt. Eine solche Prognose hätte keiner gewagt. Mit einem Regierungsprogramm "Fortschritt ‘90" wollten die Sozialdemokraten sich lediglich als die problemnähere, zeitgemäßere Partei einer normalen Industriegesellschaft ausweisen. Sie wollten Modernitätsdefizite ausgleichen und im Streit darum wieder an die Spitze gelangen.

Darauf hatte Lafontaine seine Überlegungen eingerichtet. Aber seit dem deutschen Herbst 1989 ist wirklich alles anders geworden. Das gilt erst recht nach dem Triumph für Helmut Kohl bei den Wahlen in der DDR und der herben Enttäuschung, welche die Wähler ausgerechnet der wirklich neuen Partei, den Sozialdemokraten, bereiteten.

Öffentlichen Streit hatte Lafontaine auf gekonnte Weise in einer träge dahindümpelnden Bundesrepublik mit ganz anderen Themen ausgelöst. Sein Katalog reicht vom überholten Arbeitsbegriff über Arbeitszeitverkürzungen bis hin zur Ökosteuer. Erst jetzt, sehr spät, kündigt der Kandidat Lafontaine an, was ohnehin unvermeidlich ist, die Frage der deutschen Einheit werde nämlich "im Mittelpunkt stehen". Priorität hat für ihn dabei allerdings eine europäische Deutschlandpolitik. In beiden deutschen Staaten, so lautet sein Credo, müsse das Gebot sozialer Gerechtigkeit im Vereinigungsprozeß beachtet werden. Die Sicherheitspolitik soll anknüpfen an die Tradition Brandts und der SPD und auf ein Ende der Blockkonfrontation in einem europäischen Sicherheitssystem zielen.

Damit, meint Lafontaine, könnten die Sozialdemokraten im Wahljahr "eine gute Figur machen", ja sie hätten gerade nach der Wahl in der DDR "eine realistische Chance, die Bundestagswahl zu gewinnen".