Von Joachim Nawrocki

Ost-Berlin, im März

Ich hab’ genug, ich will raus", schreit ein junger Mann am wild umkämpften Eingang, aber andere wollen hinein zur CDU-Wahlparty im Restaurant "Ahornblatt" auf der Ostberliner Fischerinsel, das seinen Namen dem gewölbten, fünfzackigen Betondach verdankt. Drinnen ist es nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen am Sonntag abend kaum weniger beängstigend. Rappelvoll und brüllend laut. Bundesflaggen werden geschwenkt, zwei junge Leute tragen schwarzrotgoldene Overalls, andere tanzen auf den Tischen. Nicht die Prominenz der CDU feiert da auf diese Weise. Die sitzt eher noch ein wenig benommen vom unerwarteten Erfolg und betreten vom nationalen Taumel, den er bewirkt hat, an den hinteren Tischen des Saales, sofern nicht die Fernsehkameras in den 300 Meter entfernten Palast der Republik locken. Es sind vorwiegend junge Leute, gestylte DDR-Yuppies zum einen, leicht angetrunkene Normalos zum anderen, die das unverhoffte rasche Ende der DDR bejubeln.

Lothar de Maizière, der unprätentiöse Sieger, taucht nur kurz auf. Er wirkt beinahe verstört, konstatiert ohne sichtbare Freude den Sieg, spricht von den großen Erwartungen, die sich nun auf ihn und seine Partei richten, und von der Glaubwürdigkeit der Abkehr von der alten Blockpartei, die durch das Wahlergebnis bestätigt werde. Wie ein strahlender Gewinner wirkt er nicht.

Diese Rolle spielt zwei Stunden später Heiner Geißler. "Heiner, Heiner, Heiner", ruft die Menge, als er auf das Musikpodium steigt, auf dem eine Rockband spielt. Er gibt sich selbstbewußt: Er habe an der Mehrheit der Allianz, dem Erfolg der CDU und der Führungsrolle der Christdemokraten in West und Ost "nie einen Zweifel gehabt". Zur Kritik am massiven Auftreten westdeutscher Wahlkämpfer sagt Geißler: "Genau vor einer Woche wurde in Chile der christliche Demokrat Pinochet zum Präsidenten eingesetzt – äh, äh, äh, Patricio Aylwin gegen Pinochet. Ich habe in Chile, in Nicaragua mich für die Demokratie eingesetzt, ich werde mir auch in der Zukunft von keinem Kommunisten verbieten lassen, in der DDR aufzutreten." Das kommt bei diesem Publikum wesentlich besser an als die verhaltene, differenzierte Art von Lothar de Maiziere.

Der CDU-Vorsitzende reagiert etwas ratlos und verblüfft darauf, daß SPD-Chef Ibrahim Böhme lakonisch und ohne weitere Erläuterung das Koalitionsangebot der Allianz für Deutschland abgelehnt hat. In jedem Interview zieht sich Böhme auf die Aussage zurück, er habe immer erklärt, mit der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) ebenso wie mit der Deutschen Sozialen Union (DSU) keine Koalition eingehen zu wollen. Plötzlich dehnt er aber seine Ablehnung auf die ganze Allianz aus, die aus CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch besteht.

Diese Allianz, die ein Wahlkampfbündnis, aber keine Listenverbindung eingegangen ist, kann Böhme nicht aufbrechen, zumal die Allianz auch bei einer Koalition mit dem liberalen Bündnis, das sich jetzt zur FDP zusammengeschlossen hat, eine regierungsfähige Mehrheit zustande brächte. Aber der SPD gilt ihre Versicherung, nur eine breite Koalition sei geeignet, die anstehenden Probleme der DDR und der Vereinigung Deutschlands zu lösen, plötzlich nichts mehr. Die CDU dagegen versucht weiter, durch möglichst vorsichtige, unverbindliche und schonende Erklärungen der SPD noch die Tür offen zu halten. Man müsse jetzt über Sachfragen reden, betont de Maizière unermüdlich, und werde mit allen Gesprächen führen.

Ein einleuchtender Grund für Böhmes Haltung ist nicht zu erkennen. Die Programme der Allianz-Parteien und ihre Wahlaussagen sind einander zum Verwechseln ähnlich und unterscheiden sich in den wichtigen Punkten auch kaum von denen der SPD – mit Ausnahme des Vereinigungsprozederes vielleicht. Die Existenz der drei Allianz-Parteien ist nur historisch, dagegen kaum politisch motiviert.

Die CDU als alte Block- und Mitläuferpartei schien anfangs politisch so belastet, daß die Bonner CDU zunächst keine Verlobung, geschweige denn eine Ehe eingehen wollte. In dieser Situation wollte wenigstens die bayerische CSU in der DDR einen Partner haben; sie stand Pate bei der Gründung der DSU, deren "D" im Parteikürzel sich allein damit erklärt, daß der christliche Anspruch in der vierzig Jahre lang materialistisch regierten DDR als nicht so wählerwirksam galt.

Der Demokratische Aufbruch dagegen ist aus der Oppositionsbewegung um Pfarrer Rainer Eppelmann und den Rechtsanwalt Wolfgang Schnur entstanden. Nachdem dessen linker Flügel um Pfarrer Friedrich Schorlemmer zur SPD übergelaufen war, blieb eine Gruppierung übrig, die dem Arbeitnehmerflügel der westdeutschen CDU nicht unähnlich ist. Ihr schlechtes Abschneiden bei der Wahl teilt sie mit allen anderen aus der Opposition gekommenen Gruppierungen; mit der Stasi-Affäre Schnur hat das nur bedingt zu tun.

Daß die DDR-CDU schließlich doch zur politisch stärksten Kraft geworden ist, verdankt sie nicht allein der Wahlhilfe, zu der sich die Bonner CDU dann doch entschlossen hatte, sondern den Bemühungen von Lothar de Maizière, diese Partei von Grund auf zu erneuern, ohne ihre Vergangenheit zu verleugnen. Die Aversion der SPD allein gegen die DSU hat also offenkundig vor allem etwas mit deren Gründervätern und ihren ruppigen Wahlkampf-Methoden zu tun; politisch rational ist sie nicht. Ein Ostberliner CDU-Politiker meint, es stehe der SPD nicht zu, die Bedingungen für eine Koalition festzulegen, aber, sagt er, "in dieser historischen Stunde und angesichts des verunsicherten Volkes muß sich die SPD eines Besseren besinnen und nicht die Menschen, die sie nicht gewählt haben, als politisch unreif beschimpfen".

"Die Aufgaben, die diese neue Regierung jetzt vor sich hat, sind so immens, daß man da nicht ein Regierungs-Oppositions-Ritual veranstalten kann, ganz unabhängig vom Ausgang der Wahlen", sagt ein anderer CDU-Mann. "Niemand würde auch verstehen, wenn die SPD das Angebot ablehnt, in die neue demokratische Regierung einzuziehen, und die Oppositions-Fraktion der Sozialisten vorzieht, um entsprechend dem Angebot von Gysi eine Zwei-Drittel-Regierung zu verhindern. Es ist schwierig genug, diesen Berg von Problemen mit wenig geübten Politikern zu bewältigen. Da wäre eine breite Basis bitter nötig, ganz abgesehen davon, daß der Vereinigungsprozeß nicht das Volk und die Parteien in zwei große Lager spalten darf."

Gerade mit Lothar de Maizière dürfte eine große Koalition kein Problem sein. Denn er gilt als kompetent, differenziert, ruhig, abgewogen und sachlich. Auf Stimmungsmache zielt er nicht ab. Westberliner Politiker, die ihn kennen, wünschten sich, solche Qualitäten auch häufiger in ihren Reihen zu entdecken: "Hoffentlich behält die DDR-CDU diese Form des politischen Verhaltens und des Umgangs ebenso wie die im Vergleich zur West-CDU deutlichere Betonung der sozialen und ökologischen Komponenten von Politik." De Maizière wäre wohl weniger der DDRSPD ein schwieriger Gesprächspartner als der Bundesregierung, wenn er als künftiger DDR-Ministerpräsident mit ihr über die Vereinigung zu verhandeln hätte. Jedenfalls wäre er kein Erfüllungsgehilfe Bonns; erkennbar will sich die DDRCDU emanzipieren und auf eigenen Vorstellungen beharren.

"Es ist nicht der Zuschnitt von Lothar de Maiziere, sich von Bonn die Modalitäten für den Beitritt diktieren zu lassen", heißt es bei der DDRCDU. "Da müssen ja doch Übergangsregelungen ausgehandelt werden und Sonderregelungen für die Bildung und Kompetenz der neuen DDR-Länder. Vor allem aber müssen die DDR-Bürger aufrecht und unbeschädigt durch die goldene Pforte in die BRD kommen. Die Sozialunion muß den Vorrang haben, da darf nichts schiefgehen, so daß sich die Angstmacherei der PDS rechtfertigen würde. Andererseits muß den Menschen auch klargemacht werden, daß die DDR-Wirtschaft so am Ende war, daß im letzten September bereits die Einschränkung des gesellschaftlichen Konsums, also der Sozialabbau, und auch die Beschneidung des privaten Konsum geplant war. Es wäre eine große Not über die Menschen gekommen; die Wende kam gerade noch rechtzeitig."

Die nachdenklicheren Leute bei der CDU der DDR betrachten im übrigen das Wahlergebnis mit gemischten Gefühlen. Bei aller Freude über das gute Abschneiden der eigenen Partei kommt plötzlich eine unerwartete Wehmut über das schlechte Ergebnis für die Bürgerbewegungen auf: "Da sind prächtige Leute bei, die ja wirklich Kopf und Kragen für die Revolution riskiert haben. Gewiß sind sie mit ihrer selbstgewählten Amateurrolle nicht unschuldig am Ergebnis. Aber für uns wird es jetzt darauf ankommen, daß wir in Zukunft auch die kritischen Einwände der Bürgerbewegungen wahrnehmen, daß wir uns nicht nur unsere Hörfähigkeit, sondern auch unsere Gesprächsbereitschaft bewahren."

Auch hierin also unterscheidet sich die Ost-CDU von ihrer westlichen Schwesterpartei. Aber es wird sich erst noch herausstellen, ob sie sich auch in Zukunft diese politische Kultur bewahren kann oder ob auch solche Besonderheiten im Strudel der Vereinigung untergehen.