Von Marion Gräfin Dönhoff

Noch nie waren irgendwo in Afrika so viele wichtige Persönlichkeiten aus Ost und West zugleich versammelt wie in diesen Tagen in Namibia. Selten zuvor aber auch ist ein politischer Terminkalender so präzis abgewickelt worden: Am 31. März 1989 waren die acht Minister der provisorischen Regierung Namibias (sechs Schwarze, zwei Weiße) zurückgetreten, und der von Pretoria eingesetzte Administrator-General Louis Pisaar hatte die Führung übernommen, zusammen mit dem Special Representative der Vereinten Nationen, einem Finnen, und einem indischen General als Befehlshaber der Beobachter-Truppe (UNTAG).

Am 1. November 1989 fand dann ohne Zwischenfälle die Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung mit einer Wahlbeteiligung von 96 Prozent statt. Ergebnis: Swapo 57 Prozent der Stimmen (41 Sitze), ihre Rivalin, die Demokratische Turnhallen-Allianz (DTA), 29 Prozent (21 Mandate). Im Februar 90, nach nur dreimonatigen Beratungen, verabschiedeten die 72 Abgeordneten einstimmig den Text einer Verfassung, die Pluralismus, rechtsstaatliche Prinzipien sowie Menschen- und Freiheitsrechte festschreibt.

In dieser Woche, am 21. März, ist Namibia nun als letzte Kolonie Afrikas in die Freiheit entlassen worden. Der Präsident Südafrikas, F.W. de Klerk, und der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Pérez de Cuéllar, waren Zeugen, als zwei Offiziere die Flagge Südafrikas einholten und die neue Fahne Namibias – Blau-Rot-Grün – aufzogen. Der neue, 61jährige Sam Nujoma – Staats- und Regierungschef zugleich –, der für fünf Jahre gewählt worden ist, wurde von Pérez de Cuéllar vereidigt. Die verfassungsgebende Versammlung von 72 Abgeordneten wurde am gleichen Tag zur Nationalversammlung ernannt.

Alle Beteiligten können sehr zufrieden sein: Ein 23 Jahre währender Befreiungskrieg, in dem viele haß- und racheerfüllte Schwüre auf beiden Seiten abgelegt wurden, hat ein versöhnliches, überraschend friedliches Ende gefunden.

Die Swapo ist froh, daß sie nun endlich an der Macht ist; die DTA ist zufrieden, daß die Swapo nicht, wie befürchtet wurde, eine Zweidrittelmehrheit erhielt; F.W. de Klerk ist froh, daß alles so glatt ging und alle sich so maßvoll verhalten haben, denn die Weißen Südafrikas betrachten Namibia als eine Art Generalprobe für den Anti-Apartheids-Prozeß im eigenen Lande; die UN-Vertreter schließlich sind befriedigt, daß alles so gut geklappt hat.

Manchmal ist es eben doch nützlich, daß sich ein Revolutionsprozeß – selbst wenn er blutig verläuft (und in diesem Fall ist er von der südafrikanischen Armee ebenso brutal geführt worden wie von der Swapo) – länger hinzieht: Die großen Illusionen weichen allmählich der nüchternen Realität, und schließlich sind dann alle erleichtert, wenn die sinnlose Gewalt, unter der die Zivilbevölkerung (20 000 Tote) am meisten zu leiden hat, ein Ende findet und in politischen Verhandlungen pragmatische Lösungen gefunden werden.