Von Volker Ullrich

Anfang der sechziger Jahre unternahm es Joachim C. Fest zum erstenmal, "das Gesicht des Dritten Reiches" anhand von biographischen Profilen seiner führenden Akteure zu beschreiben. Mittlerweile ist die Forschung über den Nationalsozialismus weiter vorangeschritten, sind unsere Kenntnisse über das Herrschaftssystem des "Dritten Reiches" und seines Führungspersonals erweitert und differenziert worden. Dies rechtfertigt auch den Versuch einer neuen biographiegeschichtlichen Interpretation der "braunen Elite", wie er mit dem vorliegenden Band vorgenommen wird.

Die beiden Herausgeber sind selbst mit biographischen Forschungen zum Nationalsozialismus hervorgetreten: Ronald Smelser, ein amerikanischer Historiker, mit einer Untersuchung über Robert Ley, den Führer der "Deutschen Arbeitsfront", der junge Berliner Historiker Rainer Zitelmann mit zwei biographischen Studien zu Hitler. Auch die anderen Autoren des Bandes – Historiker aus der Bundesrepublik, Frankreich, Italien, England und den USA – sind allesamt ausgewiesen durch einschlägige Forschungsarbeiten, so daß die insgesamt 22 biographischen Skizzen nicht nur jeweils auf eigenen Quellenstudien beruhen, sondern auch den neueren Forschungsstand widerspiegeln.

Dreizehn der hier vorgestellten Führungsfiguren des "Dritten Reiches" sind bereits im Fest-Band porträtiert worden: neben Hitler seine engsten Paladine Hermann Göring, Joseph Goebbels, Heinrich Himmler, Ernst Röhm, Rudolf Heß, Martin Bormann, Albert Speer, dazu noch Alfred Rosenberg, Joachim von Ribbentrop, Reinhard Heydrich, Hans Frank und Baldur von Schirach. Neu hinzugekommen sind Beiträge über Richard Walther Darré, den Agrarexperten der NSDAP, Gottfried Feder, den Wirtschaftsprogrammatiker der Partei, Ernst Kaltenbrunner, den Nachfolger Heydrichs als Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Otto Ohlendorf, SS-Führer und Wirtschaftsfunktionär, Fritz Sauckel, den Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz im Zweiten Weltkrieg, die Gebrüder Gregor und Otto Strasser sowie Fritz Todt, den Generalbaumeister des "Dritten Reiches".

Gewiß, auch diese Auswahl ist – genau wie die Fests – anfechtbar. So mag man zum Beispiel fragen, warum keiner der führenden Militärs, auch kein anderer Repräsentant der konservativen Eliten, die mit Hitler paktierten, Aufnahme gefunden hat – bei Fest findet sich noch ein Portrait Franz von Papens als Vertreter der "konservativen Kollaboration" sowie eine Art Kollektivbiographie des Offizierskorps im "Dritten Reich". Offensichtlich kam es den Herausgebern darauf an, den Begriff der "braunen Elite" eng zu begrenzen auf das Führungspersonal, das aus der NSDAP selbst hervorgegangen ist. Im Unterschied zu Fest, für den die Analyse der psychologischen Strukturen "totalitär anfälliger Menschen" im Vordergrund stand, geht es den Autoren dieses Bandes vor allem darum, über die individuelle Biographie hinaus zu allgemeinen Einsichten über Eliterekrutierung und Funktionsbedingungen der NS-Herrschaft zu gelangen.

Die Beiträge machen einige typische Karrieremuster deutlich: Die meisten führenden Männer des "Dritten Reiches" entstammten nicht – wie es ein populäres Vorurteil immer noch meint – deklassierten Schichten, sondern dem wohlsituierten bürgerlichen Mittelstand. Prägende Erfahrung war für viele das "Fronterlebnis" des Ersten Weltkrieges, die soziale Barrieren scheinbar überwindende "Gemeinschaft des Schützengrabens". Die Schwierigkeit, nach dem verlorenen Krieg wieder ins normale bürgerliche Berufsleben zurückzufinden, führte in aller Regel zu einer politischen Radikalisierung nach rechts – nur bei Hans Frank und Otto Strasser begegnen, allerdings nur kurzzeitige, Sympathien mit der politischen Linken. Über Aktivitäten in den Freikorpsverbänden führte der Weg in eine der vielen völkisch-rechtsradikalen Gruppen der Nachkriegszeit und von hier aus in SA und NSDAP. Auffällig ist, wie häufig und oft fast gleichlautend der ersten Begegnung mit dem Redner Hitler der Charakter eines "Erweckungserlebnisses" zugeschrieben wird. Hier sind, wie mir scheint, die Biographen nicht immer der Gefahr entgangen, nachträgliche Selbststilisierungen für bare Münze zu nehmen.

Bei allen Ähnlichkeiten von Herkunft und politischer Sozialisation verliefen die Karrierewege keineswegs gleichförmig. Manche der NS-Führer, die vor der "Machtergreifung" eine wichtige Stellung in der NS-Bewegung bekleideten, spielten nach 1933 keine Rolle mehr, etwa die Gebrüder Strasser, die sich beide – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – schon vor 1933 mit Hitler überwarfen. Für Ernst Röhm, den Prototyp des "alten Kämpfers" und Duzfreund Hitlers, endete die Karriere abrupt mit dem Schlag gegen die SA am 30. Juni 1934 und der vom Diktator befohlenen Erschießung in einer Gefängniszelle in Stadelheim. Andere, die erst relativ spät zur NSDAP gestoßen waren, wie Hitlers Lieblingsarchitekt Speer oder Außenminister Ribbentrop (beide traten erst 1931, 1932 in die Partei ein), konnten im "Dritten Reich" zeitweilig bedeutende Machtpositionen aufbauen – Speer avancierte als Rüstungsminister seit 1943 gar zum zweitmächtigsten Mann des Regimes.