Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im März

Das Szenario erinnerte an das Ende des Prager Frühlings. Erst rollten die Panzer. Armeetransporter und Pioniereinheiten erschreckten die Dörfer im Süden Litauens. Militärmaschinen brummten in kurzen Abständen und geringer Höhe über die Städte Wilnius und Kaunas. Die Überseeleitungen Litauens wurden aus „Wartungsgründen“ unterbrochen, die Auslandssendungen von Radio Wilnius verstummten.

Dann, am Montag abend, verbreitete das sowjetische Fernsehen den „Hilferuf“ von russischen, treuen Bürgern aus der litauischen Hauptstadt an Gorbatschow und die Staatsführung: „Genosse Präsident! Genossen Mitglieder des Obersten Sowjets der UdSSR! Wir glauben und hoffen, daß Sie, gestärkt durch den Willen und die Unterstützung des ganzen Sowjetvolkes, Ihre Mitbürger vor den Zugriffen der politischen Abenteurer schützen können!“

Und schließlich verlas der Moderator der zentralen Abendnachrichten mit dramatischem Tremolo, daß Präsident Gorbatschow – der zuvor bleich, übernächtigt und tief deprimiert mit dem bulgarischen Ministerpräsidenten Lukanow auf dem Bildschirm zu sehen gewesen war – die Regierung beauftragt habe, „eine Reihe vorrangiger Maßnahmen zu treffen“. Durch sie solle die Entscheidung des Volksdeputiertenkongresses vom 15. März umgesetzt werden, wonach die Unabhängigkeitserklärung Litauens vom 11. März ungültig sei. Eine kalte Okkupation des litauischen Territoriums durch das von allen Seiten bedrängte Zentrum des sowjetischen Imperiums?

Der von Michail Gorbatschow, dem am Donnerstag vergangener Woche mit bedenklich großer Machtfülle und geringer Vertrauensbasis (41 Prozent Gegenstimmen) ausgestatteten Präsidenten, angeforderte Regierungskatalog droht indirekt die Stationierung von Truppen an allen strategisch wichtigen Einrichtungen der baltischen Republik an. Der Ukas, der die Unterschrift des zentristischen und den Reformern nicht mehr folgenden Ministerpräsidenten Nikolaj Ryshkow trägt, proklamiert:

  • „Um die sichere Funktionstätigkeit von Atomkraftwerken und anderen wichtigen Objekten im Besitz des Gesamtstaats (,Alleinunionseigentum‘) zu gewährleisten, werden die zuständigen Organe beauftragt, den Schutz dieser Objekte massiv zu stärken.“
  • „Zollhauptverwaltung, Innenministerium und KGB sind beauftragt, das auf dem Territorium der litauischen SSR existierende Zollregime zu gewährleisten.“
  • „Die Annahme von Beschlüssen, die nicht im Einklang mit dem Finanz- und Kreditsystem des Landes und den außenwirtschaftlichen Beziehungen des Staates stehen, wird als Akt gegen die Gesetzgebung der UdSSR und die Interessen der Union betrachtet.“
  • „Die Objekte des Gesamtstaats werden unmittelbar von den Ministerien der UdSSR verwaltet werden.“