Von Ulrike Meyer

Für Potsdam gab es in diesem Jahr keinen Winterschlaf: Nach knapp dreißig Jahren Insulanerleben grassiert bei den Westberlinern das Ausflugsfieber. Und nichts liegt da näher als ein Trip nach Potsdam. Da brauchen sie nur quer durch ihren Grunewald zu fahren und am Wannsee noch ein kleines Stück geradeaus. Die Mauer, die jahrzehntelang die Nachbarstadt so fern erscheinen ließ, schneidet derzeit noch dem Potsdamer Schloß Cecilienhof wie auch manch einer alten Villa dort einen Teil vom Garten ab: Die Preußenstadt grenzt unmittelbar an West-Berlin.

So schieben sich nun, vor allem an den Wochenenden, die Autos von jenseits der Grenze durch die historische Stadt. Und das, obwohl die staatliche Potsdam-Information mit Bussen für eine „Begrüßungsfahrt“ an der Glienicker Brücke bereitsteht – geordnete Gruppenbesuche weiß sie leichter zu handeln als hemmungslosen Individualverkehr. Wenn erst der Sommer naht, locken zusätzlich die vielen Seen, die Potsdam umringen; die Wälder rund um die Havel-Stadt laden zu ausgedehnten Wanderungen ein und die „Weiße Flotte“ zu Dampferfahrten auf der Havel.

Die landschaftlich schöne Lage Potsdams zog schon vor über dreihundert Jahren den ersten betuchten Berliner an und bestimmte damit das Schicksal des Städtchens zwischen Wald und Wasser. Damals wurde es vom Großen Kurfürsten, dem Urgroßvater Friedrichs des Großen, zur zweiten Residenzstadt erkoren. Es zählte 1660 zwar nur 79 Hausbesitzer, die sich hauptsächlich vom Fischfang ernährten. Doch seither ist es untrennbar mit der preußisch-deutschen Geschichte verbunden.

Eine Verbindung, die der alten SED-Führung anfangs gar nicht ins Konzept paßte. Vor dem „Geist von Potsdam“ wurden DDR-Kinder schon in der Schule gewarnt: Er stand für deutsche Aggression und Großmannssucht. Friedrich der Große, dem Potsdam mit dem Schloß Sanssouci sein berühmtestes Bauwerk verdankt, eröffnete seine Regierungszeit gleich 1740 mit der Besetzung Schlesiens und baute Preußen binnen 48 Jahren zur militärischen Großmacht aus. Schlimmer noch: 1933 ließ sich der frischgebackene Reichskanzler Adolf Hitler beim „Tag von Potsdam“ in der Garnisonskirche feiern, in der der Alte Fritz begraben lag. So war die real existierende DDR gar nicht so unglücklich darüber, daß nicht nur das Potsdamer Stadtschloß der Preußen, sondern auch die berühmt-berüchtigte Kirche von britischen Bomben beschädigt worden war. In den sechziger Jahren machte man klar Tisch; die übriggebliebenen Außenmauern wurden restlos abgetragen.

Die DDR hat sich lange schon mit den Preußen ausgesöhnt. Was der historischen Bausubstanz zugute kam, die immer noch Potsdams Gesicht prägt. Manches ist zwar geschwärzt vom Ruß der Zeit, manches in Bedrängnis geraten durch allzu nah gerückte Neubaukästen. Doch der barocke Marstall zum Beispiel, 1746 umgestaltet von Friedrichs Lieblingsarchitekten Knobeisdorff, birgt hinter seinen rot und gelb herausgeputzten Mauern nun das Film-Museum der DDR, in dem auch alter Ufa-Tage gedacht wird. Und auf dem Platz der Nationen reckt sich der Namensvetter des symbolträchtigen Berliner Bauwerks, das Brandenburger Tor von Potsdam, barock und proper in den blauen Frühlingshimmel.

Es gibt den Blick frei auf eine Fußgängerzone mit freundlich-adretter Kleinstadtatmosphäre – auf die Brandenburger Straße, die erst neuerdings nicht mehr Klement-Gottwald-Straße heißt: Zweigeschossige Häuser aus dem 18. Jahrhundert, die sich in allen Pastellfarben artig aneinanderreihen. Hier drängen sich die Menschen wie am verkaufsoffenen Sonnabend, um schnell noch weiche Währung gegen harte Waren zu tauschen. An Straßenständen werden Eierkuchenkringel, Pizza und buntblühende Primeln angeboten. Und die Auslagen der Läden demonstrieren (imaginäre) Vielfalt. Ein schöner Schein der neuen Zeit: „Als die Grenzen geöffnet wurden“, verrät Frau Gürtler, eine Witwe, die seit langem zwei Räume ihrer Vierzimmerwohnung an Besucher vermietet, „erging die Anweisung, die Schaufenster endlich zu putzen und neu zu dekorieren – damit wir uns vor den Leuten aus dem Westen nicht zu sehr blamieren.“