Er war einer der Männer einer ersten Stunde. Als der braune Spuk vorbei war, mußte (und konnte) sich ja auch das Musikleben neu orientieren – sich lösen von den Sinfonischen Seelen-Festveranstaltungen im Dienste (rein-)rassistischer Denk- und Gefühlsorientierung. Die einen versammelten sich in Darmstadt und konzentrierten sich auf das Neue, sowohl auf das über ein Dutzend Jahre lang Verdrängte, Ignorierte, Bekämpfte, Verbannte als auch auf das nun konsequent in die Zukunft Weisende – aber das wurde seine Sache nicht. Die anderen entdeckten Alternativen im Alten, besonders in dem über Hunderte von Jahren hindurch Mißverstandenen, und mit ihnen gewann Karl (Wilhelm) Münchinger uns die musikalische Vergangenheit neu und, vor allem, ideologiefrei.

1915 in Stuttgart in eine kunstliebende Architektenfamilie geboren, hatte er in seiner Heimatstadt an der Musikhochschule studiert und als Chorleiter und Organist begonnen, dann bei Hermann Abendroth in Leipzig sich den letzten Schliff geholt, hatte korrepetiert und den Krieg als Kapellmeister in Hannover überstanden. Aber gleich 1945, lange also bevor uns dann die Virtuosi und Musici, die diversen Collegia, Capellae und Concenti überfielen, gründete er in Stuttgart sein Kammerorchester und überzeugte uns davon, daß Spielfreudigkeit und Spontaneität einer solchen kleinen Besetzung den meisten Werken der Musik des 18. Jahrhunderts weit eher gerecht werden als der in großen chorischen Formationen erzeugte philharmonische Klangbrei spätromantischer Prägung. Ebenso bald konnte Karl Münchinger aber auch mit seinem Ensemble in allen Erdteilen zum musikalischen Botschafter eines anderen, eines neuen Deutschland werden.

1965 dann setzte er neben sein Stamm-Ensemble ein anderes, weitete es zur – immer noch klein besetzten – Klassischen Philharmonie aus, um sich auch der Musik der Klassik und der frühen Romantik angemessen widmen zu können: in „neuen“, aber letztlich alten und wieder als maßgeblich erkannten Tempi, in möglichst pathosfreiem Spiel, vor allem auch in einem Varianten und unkonventionellen Repertoire, das uns vieles von dem zurückholte, was eine die Highlights bevorzugende Ästhetik in den Hintergrund gedrängt hatte. Aber er legte auch in dieser Verknüpfung seines ursprünglichen Barock-Kammerorchesters mit ausgewählten Musikern aus unterschiedlichen Klangkörpern den Grund für ein neues Ensemble-Denken: weg vom festen Beamten- oder Angestellten-Status hin zu einer den Werken adäquaten ad-hoc-Besetzung. 1978 schließlich gründete Karl Münchinger ein Musikfestival eigener Prägung: Im Museum Unterlinden zu Colmar, vor den Werken eines Matthias Grünewald und eines Martin Schongauer, entfaltete er ein Programm, das in erster Linie zu meditativem Hören anregen sollte.

Freilich mußte auch er erkennen und akzeptieren, daß die Interpretationsgeschichte in ständiger Bewegung bleibt. Als 1985 ausgerechnet in „seinem“ Stuttgart mit dem „Deutschen Musikfest“ der repräsentative Beitrag der Bundesrepublik zum „Europäischen Jahr der Musik“ geleistet wurde und auch Karl Münchinger mit „seinem“ Kammerorchester auftrat, war der Abstand zu den neueren Ensembles (vor allem aus England und Frankreich), die auf der historisch-kritischen Forschung und deren Editionen, auf einer fundierten Rekonstruktion des historischen Instrumentariums und einer sich an den zeitgenössischen Theoretikern orientierenden Spiel-Artikulation aufbauen, unüberhörbar geworden. Zwei Jahre später zerbrach diese Künstler-Symbiose endgültig.

Am letzten Dienstag starb Karl Münchinger, Baden-Württembergischer Professor und Träger des Bundesverdienstkreuzes mit Stern, aber auch Offizier des französischen Ordens für Kunst und Literatur sowie Ehrenbürger des südfranzösischen Menton, je zweifacher Träger des holländischen Edison-Preises wie des französischen Grand Prix für Schallplatten, in seiner Heimat- und Wirkungsstadt Stuttgart. H.J.H.