Das Elend der Demokratie ist die Geschwätzigkeit. Der ehemalige britische Premier Clement Attlee drückte dies vornehmer aus: "Demokratie ist Regierung per Debatte. Aber sie funktioniert nur, wenn man die Debattierer zum Schweigen bringt."

Seit Monaten darf sich das britische Wahlvolk per TV über den Gang der Demokratie im heiligsten aller Parlamente, dem Unterhaus, amüsieren. Und seither wird es immer schwieriger, die Debattierer zum Schweigen zu bringen. "Das war die schlimmste Fragestunde, über die ich je präsidiert habe", jammerte der Mr. Speaker jüngst, als die Volksvertreter über eine im Gouvernantenstil erteilte Lektion der "Eisernen Lady" die Fasson verloren hatten. Bei anderer Gelegenheit, als sich eine Debatte durch die ganze Nacht bis in den Nachmittag des folgenden Tages zog, erklärte er erschöpft: "Es mag ja sein, daß hier immer noch Dienstag ist. Draußen ist es Mittwoch." Schlaftrunkene Abgeordnete flegelten übermüdet auf den grünen Bänken. Die Kammer war ein wüstes Durcheinander von zerknitterten Gesichtern, zerknitterten Anzügen und zerknüllten Schriftstücken. Dennoch bewirkte der Versuch des Speaker’s, die Debatte rechtzeitig vor Beginn der Mittwochssitzung um 14 Uhr 30 abzubrechen, einen wütenden Aufruhr.

Dabei geht es auch anders. Das beweisen jene, die nie ins Scheinwerferlicht treten, die nie ihre Stimmbänder pathetisch vibrieren lassen und nie ihre Würde aufs Spiel setzen. Dem Independent gebührt das Verdienst, diese redlichen Parlamentarier aus ihrer anonymen, mottengleichen Existenz in den Grüften von Westminster herausgeholt und gewürdigt zu haben. Die Zeitung füllte sage und schreibe eine halbe Seite mit Schnappschüssen der neunzehn großen Schweiger, die dem reibungslosen Ablauf der Regierungsgeschäfte während des parlamentarischen Jahres 1988/89 mit keiner Rede in die Quere gekommen waren.

Das Unterhaus trat an 175 Tagen zusammen, es tagte 1581 Stunden und 41 Minuten. So lange verkniffen es sich diese unbesungenen Helden der Demokratie, den Mund aufzumachen. Kein öffentliches Wort kam über ihre Lippen. Eine Leistung, die es ins rechte Licht zu rücken gilt. Nehmen wir zum Vergleich die Angehörigen einer anderen, fürs Reden bezahlten Profession: Ein britischer Durchschnittslehrer verbrachte im gleichen Jahr ganze 830 Stunden im Klassenzimmer. Man möchte seinen letzten Pfennig darauf verwetten, daß kein Schulmann es fertigbrachte, so lange seinen Mund zu halten.

Im Unterhaus geht es ja oft um Alltagsprobleme. Mr. Holt, der dickleibige Vertreter des Wahlkreises Langbaurgh, echauffierte sich neulich über die langen Warteschlangen für Taxis vor dem Parlament. Ein Journalist, der sich einen Spaß daraus machte, vordrängelnde Parlamentarier zu notieren, sei "ein Erpresser", polterte er. Als der Speaker die Klage belustigt abtat, platzte Mr. Holt die Geduld. "Sie stört das vielleicht nicht", bellte er, "sie brauchen nicht mit dem Taxi zu fahren!" – "Mr. Speaker", schrie ein Abgeordneter der Opposition dazwischen, "weisen Sie ihn doch auf die interfraktionelle Radfahrergruppe hin. Da kann er ein paar Pfunde abspecken!" Wer kann bei solchen Debatten schweigend dabeisitzen?

Ein Schweiger, der sich einmal hinreißen ließ, ist Sir David Mitchell. Wir wollen nicht annehmen, daß sein einziger Fehltritt, eine sechsminütige Rede zur geschäftlichen Erschließung der Londoner Docklands, mit seinen außerparlamentarischen Interessen zu tun hatte. Er ist Direktor der Weinhandlung "Mitchell & Partners" und der El Vino Company. Der Independent nahm ihn mitsamt zehn anderen Einmal-Sundern in seine Galerie der "Stillen Minderheit" auf.

Nur ein Bezirk ist im britischen Parlament heilig: das tägliche Gebet vor der Sitzung. Kein Außenstehender darf daran teilhaben. Wir wissen nur, daß das Unterhaus im letzten Jahr 14 Stunden und 41 Minuten in Andacht versunken war. 881 Minuten, in denen auch die Quasselköpfe schwiegen. Reiner Luyken