Montag früh komme ich von der Schnellen Medizinischen Hilfe, wo ich seit Sonntag früh in der Kreisstadt Dienst hatte. Verkehrsunfälle, Patienten mit Vergiftungen, Luftnot, Bewußtlosigkeit und wie fast jeden Sonntag eine Alkoholvergiftung.

Es hat alles gut geklappt – ich bin zufrieden. Las Dienstzimmer unter dem Dach des DRK-Gebiudes war allerdings wieder nicht saubergemacht, de Reinemachekraft ist seit zwei Wochen krank. Auf dem Schreibtisch brennt die Glühlampe nicht. In DRK-Fahrzeug pfeift der Zwei-Takt-Motor auf dem letzten Loch. In der Klinik beginnt jetzt die Oberarztvisite auf der Station. 66 Patienten in einer Stunde. Ich kenne die meisten, und so ist vom rein medizinischen Standpunkt die Zeit ausreichend. Die Gespräche mit den Patienten werden auf den Nachmittag verschoben.

7.45 Uhr ist der Arzterapport: Am Sonntag abend mußte ein Schwerverletzter versorgt werden – Frontalzusammenstoß Wartburg-Trabant auf regennasser Straße. Der Chefarzt lobt, daß sich außer den diensthabenden noch zwei weitere Ärzte bereit erklart haben mitzuhelfen. So konnte mit zwei Teams operiert werden. Nun folgt das OP-Programm: drei große Huftoperationen, eine davon als Operateur. Von den vier Sterilisationsapparaten gehen heute drei, OP-Handschuhe sind ausreichend vorhanden, von den OP-Schwestern fehlen nur drei, zwei davon wegen der Pflege ihres kranken Kindes. Das Licht brennt, das Wasser lauft warm und kalt – ein Glückstag.

Nach dem OP-Programm ist Hygienebesprech ung, die ich als hygienebeauftragter Arzt leite. Es ist wie ein Wunder, wir haben sehr wenig Infektionen nach den Operationen gehabt. Die üblichen Punkte müssen aber wieder angesprochen werden: Die Leichenhalle droht einzustürzen, das vor vier Jahren bestellte Kühlaggregat ist immer noch nicht da. Der Dialysekeller muß dringend gefliest werden, aber seit 1981 sind keine Fliesen lieferbar. Die Wände der Großküche sind von schwarzem Schimmel überzogen, die Kochherde völlig überaltert, heißes Wasser läuft aus undichten Ventilen. Der Keller der Küche ist wieder einmal überflutet. Der Rundgang, von dem die Statonen abgehen, ist seit Jahren nicht mehr renoviert worden, der Fußboden aufgebrochen, abgenutzte, verschlissene Fußbodenplatten sind notdürftig mit Zement repariert. Die Öffnungen für den Kanal der über 45 Jahre alten Versorgungssysteme sind notdürftig mit Holzbohlen geschlossen. Vor der Station 8 stehen alte Betten noch aus den Kriegszeiten, mit und ohne Räder, die nun doch nicht von dem Patenbetrieb renoviert werden. Neue Betten oder gar neue Nachttischchen sind nicht in Aussicht. Die Außenanlagen der Klinik erinnern an vielen Stellen an eine Müllhalde. Dabei liegt das Krankenhaus sehr schön inmitten der Dübener Heide. Vom Baumbestand her konnte sie ein Schmuckstück sein.

Es gibt aber auch Erfreuliches. Der Flur der Station 5 wurde von Schwestern und Ärzten an einem Sonnabendvormittag gemalert, der Außenarbeiten hat wieder ein Stück Rasen gesät, eine Waschmaschine für den OP-Saal zu Vorreinigung der Instrumente ist aufgestellt worden (Baujahr 1976, DDR-Produktion) und ein verschließbarer Schrank für Sterilgut auf dem Gang vor der Sterilisationsabteilung.

Nun folgt die Feierstunde zum Tag des Gesundheitswesens: Wir haben im vergangenen Jahr wieder 3000 Patienten operiert, die aus der ganzen DDR in unsere Klinik kamen, von der Insel Rügen bis nach Thüringen. 41 000 Patienten wurden ambulant betreut. Die Wartezeiten konnten wieder etwas gesenkt werden, betragen aber für bestimmte Operationen immer noch über drei Jahre. In der Rechenschaftslegung wird über den Ambulanzneubau berichtet, der nach einem Baustopp von einem Jahr wegen fehlender Finanzen nun weitergeführt werden kann. Ein neues Heizhaus kann vielleicht doch gebaut werden. Ein Winter mit Temperaturen unter minus fünf Grad wurde allerdings die Patienten schwer gefährden. Der Weiterbau der neuen Apotheke ist dringend erforderlich. Der oben schon erwähnte Rundgang ist bei Warenlieferung in der Nahe der Apotheke kaum noch begehbar, und Patienten und Klinikpersonal müssen sich durch Kisten und Kartons einen Weg bahnen.

Als sich der Chefarzt lobend über die wissenschaftlichen Aktivitäten ausspricht – Veröffentlichungen in den Beitragen zur Orthopädie und Traumatologie, der Zeitschrift der Gesellschaft für Orthopädie der DDR und Vorträge auf Kongressen und Tagungen sowie Mitarbeit bei Forschungsprojekten –, werde ich als diensthabender Oberarzt zu einem Unfall gerufen. Aus der nahen Kreisstadt wurde eine Oberschenkelhalsfraktur hierher gebracht, die versorgt werden muß. Nach dieser Operation bin ich froh, nach Hause gehen zu können. Die geplanten Gespräche mit den Patienten müssen wieder einmal verschoben werden. Abends treffe ich mich mit befreundeten Kollegen und deren Ehefrauen zu einem Kreis, in dem wir mit einem Psychologen und einem Seelsorger über Probleme der Patienten und Probleme mit den Patienten sprechen. Dabei kommen auch unsere eigenen Sorgen zur Sprache – ein schöner Ausgleich zu den Anforderungen in der Klinik.

Insgesamt bin ich aber doch zufrieden, daß unser „Orchester“ noch spielt. Die Symphonie mit dem Paukenschlag können wir zur Zeit nicht aufführen, weil die Bühne dann einzustürzen droht. Wir haben aber dafür die Schicksalssymphonie in unser Programm aufgenommen und hoffen auf Unterstützung und Hilfe. Heiner Frenkel