Kiel

Uwe Barschels Licht leuchtet wieder. Es scheint aus seiner Stehlampe auf seinen bogenförmigen Kirschholzschreibtisch und seinen ledernen Chefsessel, eine Maßarbeit für den Ministerpräsidenten. Tisch, Stuhl und Lampe sind wieder vereint – im Arbeitszimmer von Arnim Knappe. Der 49jährige Gastwirt aus Hamburg hat die historischen Stücke am vergangenen Samstag bei einer Auktion in Kiel ersteigert. Es war sein großer Auftritt, einer, den das Fernsehen zeigte und den er auf Video vorführen kann.

Schon lange vor der Versteigerung waren sämtliche Räume des Auktionators fest in der Hand der Medienvertreter: Aus der Louis-Philippe-Sitzgruppe hatte eine Hörfunkreporterin ein Studio für Live-Interviews gemacht. Fernsehtechniker brachten ihre Scheinwerfer zwischen unbezahlbaren Sekretären in Position, Kameramänner irrten umher auf der Suche nach dem besten Standort. Einige machten ein bedrohliches „kein-falsches-Wort-Gesicht“, denn die grellen Lampen zwangen die Stromversorgung immer häufiger in die Knie.

Alle Kameraaugen waren auf den Schreibtisch des Dr. Uwe Barschel gerichtet, der ganz vorne auf einem Podest thronte und in dessen oberster Schublade eine kopierte Telephonliste der Staatskanzlei lag, Stand 3. September 1987. „Pfeiffer, R.“ hatte die Nummer 2514. An diesem Möbelstück hatte Barschel sein „Ehrenwort“ erfunden, und dieses Möbelstück wollte Arnim Knappe unbedingt haben. Seine Frau, wird er später sagen, habe ihn so richtig heiß gemacht auf den Schreibtisch. Sie habe den Barschel ja immer gemocht und sei ihm „auch nicht gram wegen der Sache“.

Bevor die Barschel-Möbel an die Reihe kommen, müssen Knappe und die Presse eine Stunde lang hochwertiges Porzellan über sich ergehen lassen: Täßchen, Tellerchen, Schüsselchen werden von älteren Damen mit Hüten ersteigert. Immer häufiger streicht Knappe sich die Haare glatt, wischt sich den Schweiß von der Stirn.

„Bietet wirklich niemand mehr als 6500 Mark?“ fragt der Auktionator endlich enttäuscht. Kein Hochschaukeln der Interessenten, keine Angebote von Strohmännern. Knappe ist der einzige im Saal, der den Schreibtisch haben will. „Zum ersten, zum zweiten und zum dritten. Für 6500 geht der Schreibtisch an den Herrn mit der Nummer 23“, verkündet der Auktionator.

In wenigen Sekunden sitzt Knappe im Blitzlichtgewitter unzähliger Photographen. „Hierher sehen, hierher“, ruft es von überall her. Brav schaut er in jedes Objektiv, hält seine Nummer vor die Brust und versucht ein Lächeln. Ohne rechten Erfolg. Den hingehaltenen Mikrophonen vertraut der bis dahin unbekannte Gastwirt an, daß er den Schreibtisch „einfach schön“ finde und daß er „völlig unpolitisch“ sei. Obwohl er laut protestiert, drängt ihn die Menge dazu, hinter seinem neuen Eigentum Platz zu nehmen. „Woll’n mal nicht so dicke machen“, wehrt er sich.

Der Auktionator will weitermachen. Der Schreibtisch war Nummer 200 auf der Versteigerungsliste mit 805 Posten. Knappe kauft noch Barschels Sessel und seine Stehlampe. Schließlich hat er ja viel weniger für den Schreibtisch ausgegeben als geplant. Walter Wüllenweber