Von Ernst Klee

Im Gasthof des Landgestüts Marbach auf der Schwäbischen Alb ist im Herbst 1939 wenig los. Pächter Eisenschmidt arbeitet im nahe gelegenen Münsingen im Kolonialwarengeschäft, die Wirtschaft wird von seiner Frau geführt. In den ersten beiden Oktoberwochen übernachten gerade zwei Gäste. Am 17. Oktober nehmen jedoch gleich sieben Fremde Quartier. Sie kommen in geheimen Mission aus dem fernen Berlin. Einige tragen sich unter falschem Namen im "Fremdenverzeichnis" ein.

Angeführt wird das Berliner Kommando von Himmlers früherem Chauffeur Viktor Brack. Er ist nun SS-Standartenführer und Oberdienstleiter in der "Kanzlei des Führers", einer Parteidienststelle, die seit Monaten den Massenmord an Kranken und Behinderten ("Euthanasie") plant.

Zum Kommando Bracks gehört der ehemalige Laufbote Kurt Franz, der zuvor im Konzentrationslager Buchenwald Wache geschoben hat. SS-Rottenführer Franz wird nur drei Jahre später zum stellvertretenden Kommandanten von Treblinka aufsteigen.

Im Oktober 1939 inspizieren Brack und seine Leute Schloß Grafeneck, ein kurz zuvor geräumtes "Krüppelheim". Es ist nur eine Viertelstunde Fußweg von der Gestütswirtschaft entfernt und wird zur ersten Vergasungsanstalt im Deutschen Reich umgebaut. Die Vergasungen beginnen am 18. Januar 1940. Am 30. Januar wird Kurt Franz zum SS-Unterscharführer befördert.

In den ersten Wochen lebt das Mordpersonal kaserniert. Die Kantine ist gut besucht. Als Dr. Ernst Baumhardt, einer der Vergasungsärzte, den Alkoholkonsum einschränken will und ein Ausschankverbot erteilt, veranstaltet das männliche Personal einen Demonstrationszug durch Haus und Hof.

Der Protest hat Erfolg: Als im März 1940 auf dem abgesperrten Bahnhof Marbach ein Sonderzug mit Patienten aus Bedburg-Hau eintrifft, ist auch das Pächterehepaar der Gestütswirtschaft anwesend. Am Abend erfährt die Grafenecker Belegschaft, die Wirtsleute seien eingeweiht, nun könne deren Wirtschaft aufgesucht werden.