Es ist ja nicht so, daß wir nicht immer noch etwas lernen wollten. Zumal wenn Bazon Brock an der Tafel steht. Die „Besucherschulen“, die der Wuppertaler Ästhetikprofessor zu mancher documenta veranstaltet hat, unterschieden sich stets angenehm vom museumspädagogischen Lehrplan und führten die Teilnehmer aus ihrer vorschulähnlichen Kunstarglosigkeit an geradem Weg zur Rezipientenreife. Unter Brocks zumeist theatralisch dozierender Obhut war die Chance jedenfalls nicht gering, nach erfolgreichem Crashkurs zum mündigen Ausstellungsmacher erwachsen zu sein. Jetzt hatte der Magister Artium einmal sein berühmtes Klassenzimmer auf der internationalen Kunstmesse in Frankfurt eingerichtet. Warum? Die Kunstmärkte, so Brock, hätten sich als viel interessanter erwiesen als „die von ehemals bedeutenden Ausstellungsmacherr eingerichteten Kulturtouristenattraktionen“. Mehr als „jahrelang geplante Galaexpositionen“ sagten sie etwas aus über den Zustand des Kunstlebens. Die zeitgemäße Ausstellung sei die Kunstmesse.

Daß eine „Galaexposition“ wie letzthin der Kölner „Bilderstreit“ auch mit Besucherschuldiplom eine Zumutung blieb, erklärt freilich nicht, was der Typus Messe „herkömmlichen Kunstausstellungen“ voraushaben soll. „Auf Kunstmärkten ist man ehrlicher“, will Bazon Brock beobachtet haben, „verantwortungsbewußter und aufmerksamer.“ Ehrlicher seien die Künstler, weil sie dort niemand zum intellektuellen Stottern zwinge; verantwortlicher die Galeristen, weil jede Fehlentscheidung persönlich ausgebadet werden müsse; aufmerksamer das Publikum, weil man eben konzentriert bei der Sache sein müsse, wenn man „ein Schnäppchen“ machen wolle.

Ein nicht ganz unbedenkliches Idyll. Daß Kunst und Künstler erst unter Verwertungszwängen zur Bestform auflaufen sollen, ist schon eine kühne Behauptung und schließt genau an jenen Zynismus an, der Kunst und Künstler zu bloßen „Kulturtouristenattraktionen“ instrumentalisiert hat. Wer sich in den zwei wohlaufgeräumten Messestockwerken in Frankfurt seine „Schnäppchen“ – Aufmerksamkeit von einer glatten, eleganten und absolut harmlosen Kunstnichtigkeit nach der anderen hat aufzehren lassen, ist wieder einmal Zeuge jener Marktstrategie gewesen, die nichts auf die begründete Auswahl gibt, nichts auf Werturteile oder Konzepte, weil sie ja doch nur die schöne Aussicht verstellen könnten auf die Praxis der Beliebigkeit. Ob Markt oder Ausstellung, es dominiert das Vielerlei und das Allerlei, wo alles durch alles ersetzbar und alles gänzlich einerlei geworden ist.

Jedenfalls hat die unbeirrbar vorangaloppierende Welteinheitskultur ihre markanten Spuren auch in der aktuellen Kunst hinterlassen: Alles sieht immer mehr überall gleich aus. Kunst erscheint immer weniger als Differenzierungsinstrument und mithin gänzlich untauglich zur Kritik. Sie hat endlich ihre soziale Exklusivität eingebüßt und mit ihr auch das, was sie beunruhigend, gefährlich, verdächtig machen kann. Sie ist wie Tennis zum Breitensport geworden. Und Anfänger und Fortgeschrittene belegen gleichermaßen ihre Trainerstunden (Anmeldung bei Prof. Bazon Brock).

Womöglich bedarf ja Publikum gar keiner besonderen Unterweisung mehr und hat seine zugewiesene Rolle längst durchschaut. So, wie es von einem Kunstgroßdiscount wie dem „Bilderstreit“ weder einzuschüchtern noch zu beeindrucken war, sondern schlicht gelangweilt wegblieb, könnte es immerhin sein, daß auch die Messen ihre Sogkraft verlieren, wenn die austauschbare Belanglosigkeit ihres gestylten Durcheinanders sich trotz großer Ereignisrhetorik nicht mehr verheimlichen läßt. Dann wäre allerdings der Besucherschulmeister arbeitslos und wir würden ihm empfehlen, ein Curriculum zur Dämpfung kunstbetrieblicher Anmaßung zu entwerfen.

Hans-Joachim Müller