Natürlich gab es für die Bonner SPD keine Alternative zu Oskar Lafontaine. Doch gerade weil seine Nominierung zum Kanzlerkandidaten so unausweichlich geworden war, wirken ihre Begleitumstände alles andere als motivierend. (Siehe auch Seite 7.)

Die herrische Art, in der Lafontaine seiner Partei ein Vertrauensvotum, in Wirklichkeit eine Unterwerfungserklärung abforderte, wirkte so makaber wie unrealistisch. Zum einen weiß er doch aus eigenem vergangenen Tun selber am besten, wie wenig sich eigenständige Köpfe unter die Knute des Vormannes fügen. Zum anderen: Ein Moses, der sein Parteivolk, noch dazu aus beiden deutschen Staaten, unfehlbar zum gelobten, zum geeinten Land zu führen wüßte, ist er jedenfalls nicht.

Im Gegenteil, die letzten Monate haben gezeigt, daß Lafontaine ganz schön neben den politischen Herausforderungen der Zeit liegen kann. Nicht einmal dort, wo er beansprucht, alle seine Kritiker seien ihm schließlich gefolgt, hat er wirklich recht. Die geforderte Streichung inzwischen obsolet gewordenen Finanzhilfen für DDR-Übersiedler war es ja gar nicht gewesen, die ihm vor Monaten Klassenkeile eingetragen und schließlich auch Wähler in der DDR tief verstört hatte. In Wirklichkeit wollte er doch noch nach dem Mauerbruch zwei getrennte deutsche Staatsbürgerschaften und eine gesetzliche Aushöhlung der Freizügigkeit. Nicht seine Partei muß er von solchen Irrläufern abhalten, sondern sich selber.

Zumal da er sich bereits auf den nächsten Irrweg begibt: Sein sich abzeichnender Versuch, das Thema der innerdeutschen Solidarität allein negativ zu besetzen (möglichst keine Opfer, schon gar nicht, wenn Kohl sie fordert), deutet eine kleinliche Enge des politischen Weltbildes an, einen Mangel an Kanzlerformat. Mag sein, daß er seine Partei zwingen kann, das zu akzeptieren. Aber ob das den Wählern reicht? R. L.