In den Dörfern der philippinischen Insel Negros wüten Militärs und bewaffnete Banden grausam gegen die Bevölkerung

Von Sabine Wenke

Südnegros, Philippinen. Weites, hügeliges Land. Ausgedörrt der Boden, bedeckt mit bräunlichem Gras. Dazwischen kohlschwarze Flächen verbrannter Erde. In den Niederungen Bachläufe, nur an ihren Seiten ist ein wenig helles Grün. Eine fast unbefahrbare Piste führt zur Siedlung Nava, achtzehn endlose Kilometer entfernt vom letzten Ort. Dort hindert ein Balken an der Weiterfahrt, militärischer Checkpoint. Was der Jeep in Nava wolle, fragen Männer in abgerissenen Uniformteilen, Gewehre über der Schulter. „Wir sind eine internationale medizinische Untersuchungskommission“, sagt eine Ärztin und zeigt die Papiere aus Manila vor. Der Jeep mit dem roten Kreuz auf weißem Grund wird eine halbe Stunde lang inspiziert, das Gepäck ausgeladen und begutachtet, das Fahrgestell abgeklopft. Es ist schon halb acht, seit sieben ist bereits Ausgangssperre. Ob das denn wirklich eine medizinische Mission sei, die in ein Gebiet fahren wolle, in dem Rebellen sind, wollen die Soldaten wissen. Die Ärztin: „Kommen Sie doch mit.“ – „O nein“, wehrt der Soldat ab: „Um Gottes willen – da fahren wir freiwillig nicht hin.“

Am nächsten Tag ist schon morgens das rote Kreuz über der ehemaligen Schule des Dorfes gehißt. Hunderte sind gekommen, manche ein, zwei Tagesmärsche weit, Frauen mit Kindern und Babys. Die meisten sind schwer von Unterernährung gezeichnet, manche haben Diarrhö, Lungenentzündung, Krätze. Die Kindersterblichkeit ist in Negros laut Statistik die höchste der Philippinen. Und die Statistik erfaßt nicht einmal alle: „Hier draußen werden Geburten und Sterbefälle nirgends eingetragen“, sagt Audie, Captain und Chef über verschiedene kleine Siedlungen. Seit zwölf Jahren, so berichtet er, sei kein Arzt mehr in dieser Gegend gewesen. Die nächste Station, die über medizinisches Personal verfügt, ist fünfzig Kilometer weiter. Fünfzig Kilometer vom nächsten Arzt entfernt – und es gibt keinerlei Transportmittel: Wer hier fort will, muß laufen. Wer nicht mehr laufen kann, muß bleiben.

In der Schule, die jetzt als Hospital dient, haben lange keine Kinder mehr gesessen. Der Putz an den Wänden ist abgefallen, und die Buchstabenkette über der Tafel reicht nur noch bis zum kleinen h. Der Rest ist abgerissen. Auf den Bänken sitzen Mütter, halten geduldig weinende Babys und warten. Für kurze zwei Tage nur ist die Schule Hospital, dann werden die Türen wieder schließen. Wenn die Mediziner abfahren, werden neun Menschen zurückbleiben, die ins Krankenhaus müssen. „Wir müssen versuchen, eine Transportmöglichkeit für sie zu finden“, sagen die Ärzte aus der Provinzhauptstadt Bacolod. Ob das Militär allerdings noch einmal den Schlagbaum hebt, wissen sie nicht. Erst im vergangenen Jahr mußten fünfzehn Kinder an einer Masernepidemie auf der Insel Samar sterben, auch da in einem aus militärischer Sicht „kritischen Gebiet“. Einem Team von Ärzten und Krankenschwestern, das zu Hilfe gerufen worden war, hatten die Soldaten den Zugang verwehrt und die Medizinergruppe 39 Stunden lang festgehalten.

Sitio Nava – ein paar Bambushütten auf weitem, baumlosen Land. Nur hin und wieder ragen verbrannte Stümpfe aus der Steppe. Zwanzig Jahre lang war eine amerikanische Holzfirma in der Gegend. „Danach“, sagt Audie, „hat nur noch gestanden, was die nicht brauchen konnten.“ Das war wenig genug. Einzelstämme, die jetzt, entgegen dem Verbot der Regierung, von kleinen Holzfällern abgeschlagen werden. „Die am militärischen Checkpoint unten im Tal gucken, wenn der eine oder andere Peso in ihrer Tasche landet, nicht so genau hin“, sagt Audie und zuckt mit den Schultern: „Es gibt sonst auch nichts, womit man hier noch Geld verdienen könnte.“

Die Furcht, alles zurückzulassen