Von Alexander Bowin

MOSKAU. – Das Ende des Nachkriegseuropa konnte nicht umhin, die Frage der Vereinigung Deutschlands konkret zu machen. Erste Schritte werden bereits auf dem Weg zu ihrer Lösung unternommen, und es gibt eine Vielzahl der verschiedensten Fragen.

Die akuteste darunter ist wohl die Frage nach dem militärisch-politischen Status des vereinigten Deutschland. Wird ein vereinigtes Deutschland Mitglied der Nato sein, oder wird es außerhalb der Blöcke bleiben, das heißt ein neutraler Staat werden? Unsere Regierung neigt natürlich der letzteren Variante zu, der Neutralisierung Deutschlands. Ich verstehe auch sehr gut die Logik und Psychologie dieser Haltung. Aber es bleiben doch auch ziemlich große Zweifel.

Einmal angenommen, Deutschland wird neutral. Würde das die Stabilität in Europa stärken? Ich fürchte, nein. Deutschland ist nicht Österreich oder die Schweiz, und es ist nicht schwer, sich auszumalen, daß sowohl in Deutschland selbst als auch bei seinen Nachbarn trotz aller gegenteiligen Erklärungen ein endloser Kampf um die deutschen Sympathien beginnen wird. Dieses Tauziehen zwischen Ost und West, zwischen uns und, sagen wir, den Amerikanern, wäre eine ständige Quelle von Verdächtigungen und Mißtrauen, eine ständige Quelle für eine Destabilisierung der Lage in Europa. Gerade das wollen wir doch vermeiden.

Nun die andere Variante: Das vereinte Deutschland wird Mitglied der Nato. Natürlich würde das unsere große politische Niederlage unterstreichen, aber natürlich ist die Transformierung der DDR ein einmaliger Vorgang. Das Wesen der Sache besteht darin, daß wir gezwungen sind – und ich verwende hier die alte politische Sprache, die Terminologie des alten politischen Denkens –, unsere Truppen aus Osteuropa abzuziehen und jedem Land und jedem Volk die Möglichkeit zu geben, selbst seinen Weg zu wählen. Aber letzten Endes ist dies doch ein Sieg des gesunden Menschenverstandes, ein Sieg wirklich vernünftiger Politik, ein Sieg der Demokratie. Doch um zu dieser Schlußfolgerung zu gelangen, muß man sehr viele gewohnte stereotype Vorstellungen, die sich in uns festgesetzt haben, überwinden.

Dabei genügt ein Blick auf die Landkarte: Die Einbeziehung der DDR in das gegenwärtige Territorium des Nordatlantik-Paktes wird sich kaum in irgendeinem Maße auf unsere Sicherheit auswirken. Im Atomzeitalter entbehren doch Vergleiche mit dem Jahr 1914 oder mit dem Jahr 1939 oder 1941 jeden Sinnes. Der neue Status Deutschlands sollte deshalb nicht unter dem Gesichtspunkt der Verletzung oder NichtVerletzung des militär-strategischen Gleichgewichts zwischen Nato und Warschauer Vertrag betrachtet werden.

Dieses Gleichgewicht wird ohnehin schon jetzt verletzt. Denn der Warschauer Vertrag hat aufgehört, eine Organisation brüderlicher Staaten zu sein, von Staaten, die auf einer gemeinsamen geistig-politischen Plattform stehen.