Von Max Jakobsen

HELSINKI. – In jüngster Zeit wird viel über die politischen Schwierigkeiten spekuliert, mit denen sich Michail Gorbatschow herumschlagen muß. Aber sein gefährlichster Gegner ist möglicherweise weder Jegor Ligatschow auf dem rechten Flügel noch Boris Jelzin auf dem linken, sondern vielmehr Oblomow, der Antiheld des gleichnamigen Romans von Iwan Gontscharow aus dem vorigen Jahrhundert. Seither ist Oblomow zum Inbegriff jener russischen Neigung geworden, lieber zu träumen und zu planen, als zu arbeiten und die Initiative zu ergreifen.

Gontscharows Roman enthält einen zusätzlichen Bezug zur Gegenwart dadurch, daß die einzige Gestalt des Buches, die den schwerfälligen Oblomow noch einigermaßen zu beflügeln wußte, sein Freund Stolz ist – ein Deutscher.

Die Beziehungen zwischen Russen und Deutschen sind vielschichtig und gehen weit zurück. Jenseits all des Hasses und der Angst, die die Nazis mit ihrem Oberfall auslösten, lebt in der Erinnerung der Russen Bewunderung und Hochachtung fort für die Leistungen der vielen Stolzes, die zur Modernisierung Rußlands beitrugen. Und heute können die Deutschen abermals für viele Russen zu nützlichen Freunden werden.

Watscheslaw Daschitschew, der führende Mitarbeiter eines einflußreichen sowjetischen Forschungsinstituts, schlägt vor, wie in den zwanziger Jahren auch heute wieder Tausende von ausländischen Fachleuten zur Mitarbeit an sowjetischen Unternehmen ins Land zu holen. Mit Ausländern meint er offensichtlich in erster Linie Deutsche.

Natürlich bleibt die Sorge vor einer Wiedergeburt des deutschen Militarismus bestehen. Aber nach einer Reihe von Gesprächen mit sowjetischen Beamten, Wissenschaftlern und Journalisten in Moskau habe ich den Eindruck, daß das traditionelle Sicherheitskonzept der Russen von einer neuen Einstellung zu den Realitäten der Macht überholt wird.

Ein Bericht des Außenministeriums für den Obersten Sowjet, „Sowjetische Außenpolitik 1985-1989“, betont: „Eine dynamische Volkswirtschaft, die auf neue Technologien, vor allem im Bereich der Elektronik und Informatik gegründet ist, wird zunehmend zu einem Schlüsselelement internationalen Einflusses. Länder mit überwiegend traditioneller Industrie, vor allem Rohstoffproduzenten, geraten gegenüber denjenigen, deren Macht auf Investitionen in menschliche Intelligenz basiert, in die Rolle unfreiwilliger Tributpflichtiger.“