Ost-Berlin, im März

Es war am Tag nach der Wahl. Sie war in mein Büro gekommen, und als ich den Kaffee und das Knäckebrot auf den Tisch stellte, sah ich, daß ihr Tränen übers Gesicht liefen. Es sei für sie wie ein Trauerfall, sagte sie, dauernd müsse sie heulen. Und schließlich habe es ja am 18. März wirklich einen Toten gegeben: Die DDR sei endgültig gestorben. Jetzt komme es nur noch darauf an, wie schnell sie verscharrt werde.

Ich kenne Edeltraut, seit sie 14 ist; inzwischen ist sie 38. Sie ist Arbeiterin, lebt mit Mann und Tochter in einer kleinen Neubauwohnung. Sie war nie in der Partei, hat sich immer ihre eigenen Gedanken gemacht, war kein bequemer Bürger dieses Staates, dem sie nun als eine der wenigen nachtrauert. Nach der zweiten Zigarette packte sie die Wut auf die vielen, die jene Partei gewählt hatten, die die DDR am schnellsten abzuschaffen versprochen hatte, die CDU-Wähler, die doch nur die D-Mark im Sinn hätten. Viele Wähler müßten schließlich identisch sein mit jenen, die noch bei der Wahl im vergangenen Sommer brav ihren Stimmzettel gefaltet hätten – auch wenn man die Wahlfälschungen berücksichtige, sei es doch die übergroße Mehrheit gewesen. Ob aus ehemaligen Mitläufern nun wieder Mitläufer geworden seien, fragte sie sich, ob es die Sucht der Menschen sei, immer zu den Gewinnern zu gehören.

Am Tag zuvor hatte ich ihre Eltern ins Wahllokal 63 begleitet, ins Kulturhaus "Zum Eigenheimer", das Spartenheim der Kleingärtner im Berliner Randbezirk Köpenick. Sie hatten sich für den Gang zur Wahlurne umgezogen. Wahlhelfer Henning Lichthardt sagte, 90 Prozent der rund 1200 Wahlberechtigten hätten ihre Stimme schon abgegeben. Das war gegen halb drei am Nachmittag. Lichthardt war vom Bürgerkomitee als Wahlhelfer vorgeschlagen worden. Rechts am Tisch saßen Helfer, die den Ausweis kontrollierten, den Namen in der Wählerliste ankreuzten, den Wahlschein ausgaben. An der Stirnseite des Raumes waren die beiden Wahlkabinen aufgebaut. Die Wahlurne aus grauer Preßpappe stand auf weißer Tischdecke zwischen zwei Forsythien-Sträußen.

Am Ausschank kauften wir Limonade, setzten uns an einen der Tische, beobachteten andere Wähler. An der Wand hing ein Wimpel mit der Aufschrift: "Für besondere Leistungen beim Aufkauf von Obst und Gemüse". Ein Mann sagte nachdenklich, er habe das erste Mal wirklich gewählt; wählen sei schließlich auswählen, und das habe er früher nicht gekonnt.

Am Abend nahmen mich Freunde mit zur Auszählung ins Weißenseer Wahllokal des Stimmbezirks 20, das in einem Raum der Volkshochschule untergebracht war. Um 18 Uhr wurde der Raum umgebaut, Tische zusammengeschoben, die Wahlkabinen wurden zu Absperrungen für die Zuschauer, die fünf Minuten nach sechs hereingerufen wurden: "Jetzt ist Bescherung!" Vier Zettel mit Nummern der als größten vermuteten Parteien waren bereitgelegt: für CDU, die Liberalen, PDS, SPD. Der Berg der Stimmzettel bei der SPD schwoll schnell an, gefolgt von der CDU, auch der PDS-Stapel wuchs, während der Stapel der Liberalen niedrig blieb. Nach einer Stunde stand fest: Von den 1285 Stimmberechtigten des Wahlbezirks 20 hatten 411 SPD gewählt, 278 CDU, 216 PDS, 90 das Bündnis 90. Alle anderen hatten sehr viel weniger, manche gar keine Stimmen bekommen. In einem Wahllokal in Berlin-Pankow hatte Bündnis 90 noch besser als in Weißensee abgeschnitten, hatte über zehn Prozent der Stimmen errungen.