Von Wladimir Kulistikow

MOSKAU. – „Mein Heim ist meine Festung“, sagen die Briten. Die Russen, die nun auch dabei sind, ein Empire zu verlieren, haben zwar noch eine Festung, aber sie haben kein Heim mehr.

Denn in Osteuropa hat die Kettenreaktion der Perestrojka eine mächtige Druckwelle erzeugt – die „Russen-Phobie“. Überall wird nun das osteuropäische Beispiel nachgeahmt – von afrikanischen Obristen, die nach dem Traum des Marxismus-Leninismus die Vorteile ethnischer Vorherrschaft wiederentdecken, bis zu den baltischen Sowjetrepubliken. Das einzige russische Wort, das in der politischen Sprache dieser Länder noch übriggeblieben ist, heißt: „Russen, geht nach Hause“.

Und die Russen gehorchen. Natürlich beugen sie sich nicht den Forderungen der von ihnen gern insgeheim verachteten Völker, sondern den Befehlen aus Moskau, die – offen und isolationistisch zugleich – das antiimperialistische „neue Denken“ propagieren.

Da ist der Offizier, der bis an sein Lebensende von tschechischem Bier schwärmen wird; der Lehrer des „Wissenschaftlichen Kommunismus“, der in Nicaragua fast verhungerte, weil er sich ein Auto Marke Wolga vom Munde absparen wollte; die hübsche „politische Witwe“, die für ihren mongolischen Ehemann zur liaison dangereuse wurde: Von überall her kehren die Legionäre des Imperialismus zurück, aber sie finden keine Heimat.

Denn „Mütterchen Rußland“, das weite Land in der osteuropäischen Tiefebene, wo einst die Wiege der russischen Nation stand, ist nicht gerade ein gemütliches Heim. Die heruntergekommenen Städte, die verfallenen Dörfer, die zerstörte Natur – unter den unverantwortlichen sozialen Experimenten und Kriegen der letzten siebzig Jahre hat die Region besonders gelitten. Noch wichtiger aber ist, daß das russische Territorium keine festgelegten Grenzen hat. Die Erbauer des Weltreiches kümmerten sich keinen Deut um die klaren, historisch gewachsenen Demarkationen der russisch-litauischen oder russischgeorgischen Grenzen. Und auch innerhalb ihrer Russischen Sowjetischen Föderativen Sozialistischen Republik (RSFSR) sind die Russen beileibe keine homogene Nation. Sie leben dort mit Millionen von Tataren, Baschkiren, Yakuten zusammen, die in dieser Zwangsgemeinschaft lange Jahre erniedrigt, kulturell assimiliert und ökonomisch auf den zweiten Platz verwiesen wurden. „Alles Schlechte bei uns wurde von den Russen importiert“, sagte mir der trinkfreudige Vertreter eines kleinen Volkstammes im Norden. „Jetzt wollen wir ganz und gar von ihnen unabhängig sein.“

Alle möchten unabhängig von den Russen sein, um jeden Preis, ob es nun Sinn gibt oder nicht. Und die Russen fühlen sich einsam und nutzlos in ihrer nationalen Heimstatt mit all den brüchigen Wänden und Fenstern, die sie in Jahrhunderten stetiger Landgewinne verlassen hatten. Die Last des Imperiums erstickte ihre ursprüngliche Lebensart und beseitigte die dünne Firnis dessen, was an bürgerlicher politischer Kultur vorhanden war.