Von Fredy Gsteiger

Geschichten über Marseille dürften nicht jugendfrei sein: Es kommt zuviel Gewalt darin vor. Jeder Fernsehbericht, jeder Zeitungsartikel über die Phönizierstadt scheint sich an die französischen Serie-Noir-Filme anzulehnen. Das Dekor zeigt Schwarzweißkontraste – mit starker Dominanz des Schwarzen. An Zwischentönen scheint niemand interessiert. Wie überhaupt die Stadt selten als Wiedergabe der Wirklichkeit, vielmehr als Wiederkehr eines Images erscheint. Mit dem Unterschied, daß in diesen Marseille-Krimis alle Rollen ihre Darsteller im wirklichen Leben finden, in Personen, die an der Canebière, der Hauptader und einstigen Prachtstraße der Stadt, angetroffen werden können – zumindest jene, die noch leben.

Über Marseille werde nie berichtet, auf der Stadt werde bloß immer nur herumgehackt, empören sich die Marseiller. Sie sind übrigens zur überwiegenden Mehrheit ganz normale Bürger, was niemand für möglich hielte, der die Stadt nur aus den Medien kennt und beim Besuch am alten Hafen unwillkürlich in den Augen jedes Vorbeieilenden Schurkisches aufblitzen sieht. Als "Nekrophilie" geißelt die Schriftstellerin Edmonde Charles-Roux, Witwe des legendären früheren Bürgermeisters Gaston Defferre, die Generalschelte gegen ihre Stadt.

Der Klinikenkrieg, der dieser Tage nicht nur den französischen Blätterwald rauschen läßt, ist ein treffliches Beispiel einer Marseiller "Story". Es fehlt weder an den nötigen Ingredienzen Brutalität und Sex noch am bunten Darstellerkatalog: ein zentralamerikanischer Diktator, seine Tochter, ein Klinikdirektor, ein Chirurg, ein Politiker mit den Übernamen "Der gute Doktor" und "Meister Proper", Journalisten, eine Blumenverkäuferin, gedungene Mörder, Drogenhändler und weitere dunkle Gestalten.

Die Handlung sei hier nur grob verkürzt wiedergegeben: Ahnungslos speist der Arzt Jean-Jacques Peschard Mitte Januar in der Marseiller Pizzeria "Le Refuge". Der frühere Bürgermeister des siebten Bezirks von Marseille, der sich in der Rolle des "Abbé Pierre der Nordviertel" gefiel, befindet sich in Gesellschaft seines Berufskollegen Armand Gallo: Auch dieser ist Arzt und Politiker. Vor dem Restaurant warten gedungene Mörder. Peschard fällte ihren Kugeln zum Opfer.

Die Killer sind ungeschickt; kurz nach der Tat werden sie gefaßt. Und reich sprudelt der Quell ihrer Geständnisse. Für den Mord bezahlt haben soll ein Dr. Armand Gallo ... Einer der Täter gesteht gar noch einen weiteren, bislang unaufgeklärten Mord, jenen am Klinikdirektor Leonce Mout. Den hat angeblich der Marseiller Klinikkönig Jean Chouraqui veranlaßt, der wiederum den Wahlkampf des Bürgermeisters der Hafenstadt, Robert Vigouroux, maßgeblich finanziert hat...

Die Ermittlungen beginnen mit Fanfarenstößen, doch verlieren sie sich bald im Dickicht abenteuerlicher Szenarien. Es fehlt an einleuchtenden Motiven und vor allem an Beweisen. Der stellvertretende Staatsanwalt Bortolami macht Andeutungen über Verbindungen zur Drogenunterwelt. Er weiß wohl mehr, aber zu sagen wagt er es nicht. Woher hatte Christine Barras, die Mätresse von Peschard, die fünf Millionen Francs, die sie über die Schweizer Grenze schaffte? Woher hatte der inzwischen vor Gericht stehende Jean Chouraqui die Millionen, die ihm ermöglichten, sich im Kampf um die Marseiller Privatkliniken ein Imperium aufzubauen? Stammte das Geld ausgerechnet von jener französischen Bank, bei der Panamas gestürzter Diktator Manuel Noriega Konten besitzt? Wie erklärt sich, daß private Krankenhausbetten in Marseille zu Preisen von einer Million Francs gehandelt werden, Summen, die jegliche Rentabilität ausschließen dürften?