Das bitterarme Land versucht den Dritten Weg

Von Christian Tenbrock

Saigon boomt. Die Stadt, die eigentlich Ho Chi Minh-City heißt, die aber kaum einer ihrer vier Millionen Einwohner so nennen mag, will den Anschluß an alte Tage wiederfinden. Im "Goldenen Markt", einem Gewirr von Gassen hinter der Nguyen-Hue-Allee, plärrt die Musik aus Hi-Fi-Anlagen, die aus Südkorea stammen. Farbfernseher, Generatoren und elektrische Sägen, Videorecorder und Reiskochtöpfe aus Japan stehen zum Verkauf. Am Abend ist die Jugend auf Honda-Mopeds unterwegs; wer Geld hat, geht ins "Maxim’s" an der Dong Khoi, der Straße des Volksaufstandes. Vor fünfzehn Jahren hieß die Dong Khoi noch Straße der Freiheit.

Saigon sei wieder die heimliche Hauptstadt Vietnams, sagen manche: Kapitale des neu erwachten Kapitalismus, Zentrum für Unternehmergeist und Motor des Aufschwungs, der das ganze Land aus seinem wirtschaftlichen Notstand führen soll. Zu Tet, dem chinesischen Neujahrsfest Ende Januar, knallten die Feuerwerkskörper so laut und ausdauernd wie schon lange nicht mehr. Es war, als wollten die Menschen alle Erinnerung an Krieg und Kommunismus aus ihren Köpfen treiben. Goldgräberstimmung hat sich ausgebreitet, seitdem die Regierung erlaubt, was lange verboten war. Das Volk soll Geschäfte machen. Profit wird zum Maß aller Dinge.

Kapitalistisches Vietnam? Die Sturmflut des Wandels im Osten Europas hat die sozialistische Republik im Südosten Asiens längst erreicht. Sozialismus sei noch immer das Ziel aller Politik, sagen zwar die Machthaber in Hanoi. Im hundertsten Geburtsjahr Ho Chi Minhs und zum sechzigsten Jubiläum ihrer Gründung hält die kommunistische Partei unverrückbar am Monopol auf Staat und Regierung fest. Politische Freiheiten, wie sie Osteuropa seit den Revolutionen des Jahres 1989 kennt, will das Regime nicht gewähren. Aber in der Ökonomie soll Liberalismus herrschen. Marx und Markt in fruchtbarer Ehe?

Vietnams Antwort auf Moskaus Perestrojka heißt Doi Moi: "Erneuerung" der maroden Wirtschaft wurde zum Motto des sechsten Kongresses der KP schon im Dezember 1986. Seither soll gelten, was Nguyen Huan Oanh, vor 1975 Vizepremier Südvietnams und Chef der südvietnamesischen Zentralbank, heute einflußreicher Berater der Reformer um KP-Generalsekretär Nguyen van Linh, so umschreibt: "Die zentrale, bürokratische Wirtschaftslenkung wurde aufgegeben. An ihre Stelle haben wir gesetzt, was sie im Westen marktorientierte Wirtschaft nennen würden."

Nicht die Planbürokratie, sondern allein Markt und Management sollen über Produktion, Preise, Löhne und Arbeitsplätze entscheiden. Gefordert sind Effizienz, Steigerung der Produktivität und Profit. Subventionen gibt es nicht mehr; dem Wettbewerb müssen sich gleichermaßen Staatsunternehmen wie Handwerksbetriebe, Kollektive und die wieder zugelassenen privaten Firmen stellen. Über ein Pacht- und Erbpachtsystem wurde die Landwirtschaft praktisch reprivatisiert. Kapital aus dem Westen ist willkommen: Vietnam verschrieb sich eines der liberalsten Gesetze für Auslandsinvestitionen in Asien.