Von Helga Hirsch

Spindleruv Mlyn, im März

Als der Hubschrauber auf dem Schneehang der tschechischen Ortschaft Spindleruv Mlyn (Spindlermühle) im Riesengebirge aufsetzte, strömten Bergwanderer und Skifahrer auf den von einer strahlenden Sonne beschienenen Platz, der nur wenige Meter von der polnischen Grenze entfernt ist. Die Menschen kamen, um Václav Havel zu begrüßen, der in den wenigen Wochen seiner Amtszeit die Zuneigung und Hochachtung fast all seiner Landsleute gewonnen hat. Sie wollten den Präsidenten sehen, der wie kein anderer mitteleuropäischer Politiker internationale Anerkennung erfuhr und doch ein Bürger blieb, der "redet wie wir und sich verhält wie wir". Sie drängten sich um den Mann, der eben noch mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker ein staatsmännisches Protokoll auf der Prager Burg absolviert hatte, und der nun, zwei Tage später, bekleidet mit Parka und Gummistiefeln, zur Begegnung mit dem polnischen Gewerkschaftsführer Lech Walesa in die Berge geflogen war. In der Menschentraube konnten sich Havel und Walesa erst nach minutenlangem Suchen finden, und das war symbolhaft für das Treffen dieser beiden Reformer.

Die Begegnung war ein Entgegenkommen Vaclav Havels, um die Verstimmung zu bereinigen, die Lech Walesa glaubte spüren zu müssen, nachdem der Präsident der Tschechoslowakei bei seinem ersten – einem eintägigen – Besuch Ende Januar in Polen den Gewerkschaftsführer nicht in Danzig aufgesucht hatte. Eine Einladung zum Mittagessen nach Warschau hatte Walesa für unter seiner Würde befunden – er war einfach nicht erschienen.

Jetzt galt der Besuch nur ihm, Walesa. Jetzt trat er, dessen ganzes Sinnen und Trachten darauf ausgerichtet ist, in den nächsten Monaten selber zum Präsidenten gekürt zu werden, als gleichberechtigter Gesprächspartner eines Politikers auf, der den Gipfel bereits erklommen hat. In der Präsidentschaftsfrage, so merkte Walesa hintergründig an, stehe Polen noch hinter der Tschechoslowakei zurück. Doch auch wenn er selbst seine Wahl offensichtlich nur noch für eine Frage der Zeit hält, waren die Unterschiede im Temperament der beiden großen Dissidenten von einst unverkennbar.

Bei der Pressekonferenz – bereits auf polnischer Seite der Grenze – überzeugte Walesa weniger mit Argumenten als mit der Entschiedenheit des Tons. "In der deutschen Frage haben wir sehr ähnliche Ansichten." Punkt. "Natürlich sind unangenehme Erfahrungen haftengeblieben; aber wir wissen, daß alle aus der Vergangenheit Lehren gezogen haben." Punkt. "Wir sind daran interessiert, daß Europa sich entwickelt und niemand dies bedroht." Punkt. Damit hatte der Arbeiterführer glücklich jede konkrete Aussage zu dem heiklen deutschen Thema vermieden. Denn ob und wie bedrohlich das vereinte Deutschland sein kann, welche Rolle es im künftigen Europa einnehmen wird und welche Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg zu ziehen sind – darüber gibt es zwischen Polen und Tschechen offensichtlich Differenzen. Neben dem stämmig-agilen, durch keine Selbstzweifel angekränkelten Walesa, der sogar zur Begegnung in der Berghütte im Anzug und mit Krawatte erschien, wirkte Václav Havel fast gebrechlich, in sich zurückgezogen, um Nuancen und Erklärungen bemüht, die die Journalisten weder abweisen noch abspeisen sollten.

Für Walesa hatte das Treffen allein dadurch seinen Sinn erfüllt, daß es zustande kam. Er suchte den Händedruck vor den Fernsehkameras als einen Baustein für seine Karriere. Für Havel hingegen, der um Gemeinsamkeiten der mitteleuropäischen Staaten auf ihrem Weg nach Europa bemüht ist, dürfte die Begegnung enttäuschend verlaufen sein.