ARD / ZDF, Sonntag, 18. März: „Wahl in der DDR“

Wahlen sind nichts für die Glotze. Der Vorgang selbst ist optisch unergiebig und obendrein geheim. Die Würdigung seiner Konsequenzen verlangte jene Weile und Nachdenklichkeit, die in einer aktuellen Fernsehsendung nicht zur Verfügung steht. Auch die Analyse des Ergebnisses samt Graphiken und Kommentaren paßt besser ins Printmedium. Und doch werfen Sender sich nur auf Quiz-Shows und Fußball so wüst wie auf Wahlen. Hier wie dort geht’s um die Wette und die Frage: „Wer gewinnt?“ Wenn die sich entscheidet, muß eine Kamera dabeisein.

Zur ersten freien Wahl in der DDR hatten ARD und ZDF hochgerüstet. Mit Ü-Wagen-Spähtrupps, Hundertschaften von Technikern und Reportern, Legionen von Spitzeln im Auftrage der Hochrechnungstrategen stürmte das westdeutsche Fernsehen die ostdeutschen Urnen. Schon die ersten Trendmeldungen um 18 Uhr, gleich nach Beginn der Wahlsendungen auf beiden Programmen, lagen ziemlich nahe an den späteren Hochrechnungen und dem vorläufigen amtlichen Endergebnis. Die Fernsehkohorten hatten einen Blitzsieg errungen und der Ost-Urne ihr Geheimnis schon entrissen, bevor noch die zu fast hundert Prozent demokratisch aktive DDR-Bürgerschaft vom Wahllokal heimgekehrt war. Man hätte also um fünf nach sechs den Fernseher getrost ausschalten können: Ab jetzt gab es nur noch mäßige Korrekturen.

Für das Fernsehen als Show-Maschine ist eine solche Perfektion ein Pyrrhussieg. Wie die Stunden füllen bis 23 Uhr, wenn die Spannung geplatzt ist, da das Resultat feststeht? Kein Thriller verschösse all sein Pulver in den ersten fünf Minuten. Je ausgefeilter die prognostischen Methoden, auf die sich die Sender bei der Wahlberichterstattung stützen, desto größer die Gefahr, daß so ein Praecox passiert. Bei der Wahl im Osten geschah’s, obwohl die Voraussagen wegen mangelnder Präzedenzen als unsicher galten. Infas kann was, und es verschaffte der ARD mit seiner Treffsicherheit einen zweifelhaften Triumph. Die Forschungsgruppe Wahlen im ZDF ließ zwischen ersten Voraussagen und der Hochrechnung einen größeren Spielraum entstehen, aber auch der bot kaum Platz für einen Spannungsbogen.

Wie helfen sich Fernsehsender aus einem solchen Dilemma? Mit der Produktion ihres Lieblingstempos: der Fieberhaftigkeit. Man kann auch Gewimmel, Getümmel, Gewiesel oder Gefasel dazu sagen. Als switchte jemand im Sendezentrum auf einer gesamtdeutschen Fernbedienung, wechseln Schauplätze, Interviewpartner, Moderatoren und Themen im Drei-Minuten-Takt (wenn’s hoch kommt), und von Erfurt nach Moskau, von Geißler zu Gysi, von Bismarck zu Westmark geht’s hui wie der Wind.

„Eine unglaubliche Stimmung“ kommt auf beim Wahlsieger CDU, stille Gefaßtheit bei den abgeschlagenen Sozis – und was ist mit der PDS? Rüstet sie zu neuen Ufern oder zum letzten Tanz auf der Titanic Eine panische Korrespondentin gibt von der liberalen Wahlfete, auf der ihr niemand Antwort steht, vorzeitig zurück an die Zentrale, und dort gesteht man: „Ein wenig Hektik bricht hier aus.“ Pleitgen verwechselt Ulrich Deppendorf mit Ulrich Wickert, Bresser die FDP mit der LDP, und als Gerd Ruge angekündigt wird, erscheint ein radebrechender Sowjetmensch auf dem Schirm.

Aus den Fehlleistungen der aufgeregten Akteure, den verwechselten Korrespondenten und den Tonausfällen schließt der Zuschauer, daß noch etwas auf dem Spiel stehe – aber nein, nur die PDS hat ein Prozentpünktchen mehr und die LDP ein halbes weniger. Lohnt es sich deswegen auszuharren? Kaum. Morgen steht alles in der Zeitung.