Von Manfred Berger, Wolfgang G. Gibowski und Dieter Roth

Die Wähler in der DDR haben die erste freie und geheime Wahl durch eine ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung (93,2 Prozent) besonders eindrucksvoll legitimiert. In der Hauptstadt der Republik lag die Beteiligung mit 87,6 Prozent deutlich niedriger als in den übrigen Bezirken der DDR, in denen sich jeweils mindestens 92 Prozent der Wähler beteiligt hatten.

Das Wahlergebnis weist gravierende regionale Unterschiede auf. In Berlin wurde die sonst stets an zweiter Stelle hinter der CDU plazierte SPD mit 35 Prozent stärkste Partei, während die sonst überall stärkste Partei, die CDU, noch hinter der PDS (30 Prozent) auf dem dritten Platz (18,4 Prozent) landete. In der Hauptstadt des „Arbeiter- und Bauernstaates“ hatten die eigentlichen Nutznießer des bisherigen Systems, die Funktionäre in Verwaltung und Partei und die sogenannte Intelligenz, der ehemaligen SED noch zu einem erträglichen Resultat verholfen. Insgesamt sind die Parteien, die eher dem linken Spektrum zuzuordnen sind, auf mehr als 70 Prozent gekommen.

Außerhalb Berlins wurde dagegen die CDU durchweg stärkste Partei, in Thüringen (53 Prozent) sogar mit eindeutiger, absoluter Mehrheit. Hier erreichten die Sozialdemokraten wie die PDS jeweils nur unterdurchschnittliche Ergebnisse. Die Allianz, der Zusammenschluß von CDU, DSU und DA, errang in Thüringen (60,2 Prozent) und in Sachsen (57,7 Prozent) klar eine absolute Mehrheit, in Ländern also, die in der Vor-SED-Zeit die roten Hochburgen waren. Die DSU erreichte nur in Sachsen (13,2 Prozent) ein zweistelliges Ergebnis, blieb aber sonst, mit Ausnahme von Thüringen (5,6 Prozent), relativ unbedeutend. Der Demokratische Aufbruch, durch die Stasi-Affäre seines früheren Vorsitzenden Wolfgang Schnur belastet, kam in keinem der früheren DDR-Länder über 2 Prozent. Die im Bund Freier Demokraten zusammengeschlossenen Liberalen erzielten ihre besten Ergebnisse in Sachsen-Anhalt (7,7 Prozent) und Sachsen (5,7 Prozent), kamen in Berlin aber nur auf 3 Prozent. Das Bündnis 90, der Zusammenschluß der Bürgerrechtsgruppen und Opposition der ersten Stunde, schnitt in Berlin (6,4 Prozent) doppelt so gut ab wie im übrigen Land.

Die großen Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen des Landes werden durch ebenso bemerkenswerte Stadt-Land-Unterschiede überlagert. In den Gemeinden bis 50 000 Einwohnern liegt die Allianz durchweg über 50 Prozent, in den größeren Städten dagegen eher bei 40 Prozent. Hier kommt die SPD im Durchschnitt auf 25 Prozent, während sie in den kleineren Gemeinden meist unter 20 Prozent bleibt. Auch die PDS schneidet, ähnlich wie die SPD, in den Städten der Republik besser ab als in den kleinen Gemeinden und Dörfern. Das liberale Bündnis und das Bündnis 90 erreichen in städtischen Gebieten etwas mehr Wähler als in ländlichen Regionen.

Die Befragung am Wahltag, bei der mehr als 12 000 Wähler beim Verlassen des Wahllokals befragt wurden, erlaubt eine differenzierte Analyse des Wahlverhaltens. Danach ergibt sich eindeutig, daß die CDU und die Allianz insgesamt ihre Unterstützung in erster Linie von den Arbeitern (59 Prozent) und Angestellten (49 Prozent) erhielt, während in der für die DDR spezifischen Gruppe der „Intelligenz“ die PDS (26 Prozent) knapp vor der CDU (24 Prozent) und der SPD (23 Prozent) lag. Dieses Ergebnis ist bemerkenswert: Die große Tradition der SPD vor der Nazizeit, besonders im traditionell „roten“ Sachsen, hätte eine stärkere Position der SPD vermuten lassen. Doch die Situation war ungewöhnlich, so ungewöhnlich, daß die sicherlich auch heute noch bestehenden traditionellen Bindungen der Arbeiterschaft an die SPD gesprengt wurden. Ob damit dauerhaft Loyalität zugunsten der CDU geschaffen wurde oder ob es sich nur um ein einmaliges Abweichen vom traditionellen Muster handelt, werden erst die künftigen Wahlen in der DDR zeigen.

Auch die Zugehörigkeit zu einer der Kirchen, was in der DDR sicherlich etwas anderes bedeutet als in der Bundesrepublik, hatte einen deutlichen Einfluß auf das Wahlverhalten. In der nur kleinen Gruppe der Katholiken (cirka 6,5 Prozent der Wähler) hat die Allianz eine Dreiviertelmehrheit und bereits die CDU allein eine Zweidrittelmehrheit. Die SPD kommt bei den Katholiken auf etwa 11 Prozent und die PDS auf 4 Prozent. Unter den Protestanten, die etwa 35 Prozent der DDR-Bürger ausmachen, hat die Allianz noch eine Zweidrittelmehrheit, und die CDU allein kommt auf 55 Prozent. Die SPD erreicht unter den Protestanten 20 Prozent und die PDS 4 Prozent. Unter denjenigen, die keiner Konfession angehören, das ist die Mehrheit in der DDR (54 Prozent), erreicht die Allianz 40 Prozent, die CDU allein 32 Prozent, die SPD kommt auf etwa 23 Prozent und die PDS auf 21 Prozent.