Von Martin Spiewack

Am Sonntag im Retiro ist die Welt noch in Ordnung. Im berühmtesten der Madrider Parks spürt man weder etwas von der gefährlichen Luftverschmutzung einer der dreckigsten Hauptstädte Europas noch vom betäubenden Lärm achtspuriger Straßen. Keine Spur von Immobilienhaien oder astronomischen Mietpreisen. Hier auf dem Rasen findet jeder sein Plätzchen.

Die Junkies haben sich in die hintersten Ecken des Parks verzogen oder kommen erst, wenn es dunkel wird. Allenfalls eine Einwegspritze auf dem Rand eines Brunnens oder ein halbes Dutzend Einliterbierflaschen neben einer Bank zeugen von nächtlichen Begegnungen anderer Art.

Am Wochenende zeigt sich der Stadtpark zwischen Prado und dem Nobelviertel Salamanca von seiner besten Seite: modern und altmodisch, international und urspanisch zugleich. Südländisches Jahrmarktsambiente gepaart mit zufriedener Feiertagsträgheit. Vieles erinnert an die Sonntagsspaziergänge einer vergangenen Zeit. Süßholz und Zuckerwatte, Kasperletheater und Droschkenfahrt. Weltvergessene Liebespaare auf allen Bänken. Vielköpfige Familien mit der Oma im ewigen Trauerschwarz. Männer, welche das Spiel ihres Fußballclubs mit dem Radio am Ohr verfolgen. Und auf dem fußballfeldgroßen Teich unter dem Denkmal Alfons XII. drehen die Paddelboote gemächlich ihre Runden.

Im Retiro stößt man auf Spuren jener altmodischen Betulichkeit, von der der Wirbelsturm der Modernisierung in den letzten Jahren nicht mehr viel übriggelassen hat. Aber gleichzeitig gibt es hier etwas, was mit dem alten, unduldsamen Spanien unvereinbar wäre: ein buntscheckiges Nebeneinander von Gegensätzen. Wer sich in eines der Gartenlokale setzt, um einen Espresso oder eine Mandelmilch zu schlürfen, der kann die schillernde Karawane vorüberziehen sehen.

Photographierende Japaner und einheimische Freaks, poppige Rollschuhfahrer neben tänzelnden Rastafaris. Hier zwei Machos, die ihre behaarte Brust spazierenführen. Dort ein Vater, der den überdimensionalen Spielzeugrennwagen seines Sohnemanns schultern muß, weil dieser des Autofahrens müde geworden ist. Am Nebentisch sitzen zwei Vertreter der movida, der berühmten Kneipen- und Kulturszene der Stadt. Sie sind dabei, die Erfolge und Niederlagen der vergangenen Nacht bei einem Milchkaffee zu entwirren.

Nur ein Tarotkartenleger stört für kurze Zeit das Bild idyllischer Eintracht. Mit einem Klappstuhl bewaffnet, geht er .plötzlich auf einen konkurrierenden Glückspropheten los. Doch die beiden streitenden Wahrsager werden von den Umstehenden schnell auseinander gebracht. Bald ist jeder wieder dabei, über kommende Liebschaften und ins Haus stehende Lottogewinne zu fabulieren.