Von Fritz Vorholz

Die Umweltpolitiker haben einen unerfreulichen Job. Selbst kleinste Fortschritte können sie nur sehr mühsam durchsetzen – gegen den erbitterten Widerstand der Industrie. Der Schluß, daß Mensch und Natur es besser hätten, wenn Industrie und Politik sich ausnahmsweise einmal zu deren Schutz zusammentun, liegt deshalb nahe, ist aber offenbar allzu naiv.

Das zeigt das Gerangel um krebserzeugende chemische Zusatzstoffe im verbleiten Benzin. Gegen diese Scavenger genannten Gifte machen nicht nur die Politiker seit längerem Front. Auch die Autoindustrie verkündete in ihrem Jahresbericht 1988/89, daß "ab sofort auf Scavenger-Zusätze in verbleitem Super verzichtet" werden kann. Die Autofahrerlobby ADAC ist ebenfalls "ganz eindeutig" dafür, die Stoffe aus dem Benzin zu verbannen. Das erstaunlichste jedoch: Seit fünf Jahren möchten selbst die Mineralölfirmen – zumindest offiziell – lieber Benzin ohne die gesundheitsschädlichen Bleiverflüchtiger verkaufen. Gleichwohl gibt es bis heute noch kein Bleibenzin ohne diese Schadstoffe, die hochgefährlich sind.

Hinter dem Fachbegriff Scavenger verbirgt sich nämlich ein Giftgebräu mit der chemischen Bezeichnung 1,2-Dibromethan und 1,2-Dichlorethan. Beide stehen in der Liste krebserregender Stoffe, und zwar unter dem Buchstaben A: "eindeutig als krebserzeugend ausgewiesen". Beim Tanken wie beim Kaltstart können kleine Mengen von dem Gift in die Lungen von Automobilisten und Passanten geraten. Doch dabei bleibt es nicht. Im Motor verbrannt, verwandeln sich die Scavenger zu Furanen und Dioxinen, dem Seveso-Gift.

Gerade deshalb sind Autos, so vermuten Umweltexperten, eine wesentliche Quelle dafür, daß Dioxin inzwischen fast allgegenwärtig ist – wenn auch nur in zumeist geringer Konzentration. Niemand weiß zwar genau, welche Mengen aus den Auspuffen quellen, es sind wohl insgesamt nur einige hundert Gramm pro Jahr. Aber Gesundheitsschützer sind sich darüber einig, daß Dioxin in der Umwelt nichts zu suchen hat. Schon kleinste Mengen, Bruchteile eines Milligramms, können gesundheitsschädlich sein.

Daß die Politiker diese Brisanz des Problems durchaus einsehen, zeigt die Tagesordnung für das nächste Treffen der Umweltminister aus Bonn und aus den Bundesländern. "Ein Verbot der Scavenger ist dringend geboten", heißt es in dem Vorbereitungspapier für ihre Konferenz. Schon vor drei Jahren wollte die Hansestadt Hamburg durch eine Bundesratsinitiative die Scavenger verbieten lassen – damals noch erfolglos. Doch jetzt ist die Stimmung umgeschlagen. Auch in Töpfers Umweltministerium herrscht nun Ehrgeiz und Tatendrang: "Wenn wir die Scavenger aus dem Benzin rauskriegen, haben wir das Dioxinproblem vollständig im Griff", hofft man. Ob es jedoch dazu kommt, ist fraglich.

Die mächtigen Mineralölmultis, bei diversen Benzinpreiserhöhungen oft genug als Erpresser gescholten, waschen ihre Hände in Unschuld. In der Tat beziehen sie das Blei für ihren Treibstoff – untrennbar vermischt mit den krebserregenden Scavengern – von zwei Zulieferern, die den Weltmarkt für diese Mixtur, genannt Bleifluid, exklusiv bedienen und unter sich aufgeteilt haben. Es sind die britische Firma Associated Octel und das amerikanische Unternehmen Ethyl Corporation. Und beiden gefällt die von bundesdeutschen Umweltschützern angezettelte Diskussion um ihr Produkt natürlich ganz und gar nicht. Beide Firmen leiden ohnehin unter dem rückläufigen Absatz von Bleibenzin.