Von Nikolaus Piper

Manchem in der Bundesrepublik ist das Tempo schon lange nicht mehr geheuer, mit dem das Volk der DDR zur Wiedervereinigung strebt. Und von diesen deutsch-deutschen Zweiflern finden sich etliche auf der Schwäbischen Alb, genauer: in der Carl-Zeiss-Straße in Oberkochen. Die württembergische Kleinstadt zwischen Aalen und Heidenheim ist Sitz der Carl-Zeiss-Werke, eines der Spitzenunternehmen der optischen Industrie in der Bundesrepublik. Mit High-Tech-Mikroskopen, Meßtechnik, astronomischen Instrumenten, Fernrohren und Brillengläsern hat Carl Zeiss im vergangenen Jahr etwa 1,3 Milliarden Mark umgesetzt, zehn Prozent vom Umsatz gingen in Forschung und Entwicklung.

Daß die Revolution in der DDR für die 8200 Zeiss-Mitarbeiter eine sehr beunruhigende Seite hat, hängt ausschließlich mit der ungewöhnlichen Geschichte des Unternehmens zusammen. Zwei Dinge vor allem sind in Oberkochen anders als anderswo: Eigentümer ist weder ein Einzelunternehmer noch eine Kapitalgesellschaft, sondern allein die gemeinnützigen Zielen verpflichtete Carl-Zeiss-Stiftung in Heidenheim (der Stiftung gehören auch noch die Schott Glaswerke in Mainz). Und außerdem hat das Unternehmen eine Schwester fast gleichen Namens in der DDR. Das Kombinat VEB Carl Zeiss Jena ist mit 60 000 Werktätigen nicht nur viel größer als das bundesdeutsche Pendant, die Jenaer erheben außerdem – ebenso wie die Oberkochener – den Anspruch, das "richtige" Carl-Zeiss-Unternehmen zu sein.

Und hier liegt, spätestens seit dem 9. November 1989, das Problem. Die deutsche Teilung war einerseits die Ursache dafür, daß es überhaupt zwei Zeiss-Unternehmen gibt, sie sorgte bisher aber auch dafür, daß sich Zeiss-Ost und Zeiss-West nicht allzusehr ins Gehege kamen. Doch seit die Mauer gefallen ist, sind die ruhigen Zeiten der sozialistisch-kapitalistischen Koexistenz von Jena und Oberkochen vorbei. Am 2. und 3. Februar geschah das früher Undenkbare: Der Oberkochener Vorstandsvorsitzende Horst Skoludek reiste nach Jena, um dort mit dem Generaldirektor des Volkseigenen Betriebes, Klaus-Dietrich Gattnar, über die künftige Zusammenarbeit zu reden. Man müsse "sich kennenlernen, um zu erkennen, welche Formen der Gemeinsamkeit gefunden werden können", hieß es hinterher.

Fortschrittliches Statut

Seitdem klären Experten beider Seiten in Geheimverhandlungen das Terrain. Dabei geht es ums Ganze: Nicht weniger als die Wiedervereinigung der beiden Firmen steht auf der Tagesordnung; und – anders als dies sonst in deutschdeutschen Geschäften der Fall ist, könnte die östliche Seite hier durchaus als mächtiger, fordernder Part auftreten.

Auf der Leipziger Frühjahrsmesse in der vergangenen Woche vertrat die Kombinatsleitung ihre Sicht der Dinge jedenfalls so offensiv, daß sich Horst Skoludek in Oberkochen genötigt sah, seine Mitarbeiter mit einem Extrablatt der Betriebszeitschrift Zeiss im Bild zu beruhigen. Was die Zeitungen über das Thema Zeiss-Zeiss schrieben, sei "kein Grund zur Besorgnis", versicherte er: "Wir wollen und dürfen den in 40 Jahren im Westen geschaffenen Bestand an Arbeitsplätzen, Eigenkapital und Pensionsrückstellungen nicht gefährden." Wieso aber gibt es überhaupt Anlaß für den Verdacht, daß dies alles gefährdet sein könnte?