Von Christoph Bertram

Washington, im März

Ein enger Berater von Präsident Bush schüttelt verwundert den Kopf. Eben hat er in einer europäischen Zeitung gelesen, daß Amerika, einst unangezweifelte Welt- und Supermacht, an die Peripherie der Ereignisse gerückt sei. Aber in der kleinen Schar um den Präsidenten, die in Washington die amerikanische Außenpolitik formuliert und ausführt, ist von Entsagung nichts zu spüren. Im Gegenteil: Durch die Entwicklung im Osten Europas, vor allem in Deutschland, wird den Vereinigten Staaten ein gerüttelt Maß an Verantwortung aufgebürdet. Und das Bush-Team, das ja nicht zufällig vornehmlich aus Personen besteht, die durch die Erfahrung der amerikanischen Weltrolle geprägt sind, stellt sich ihr selbstverständlich und mit wachsendem Selbstvertrauen.

Wieder einmal wird Amerika durch die europäischen Ereignisse in eine besondere Aufgabe gedrängt. Zum einen gehören die Vereinigten Staaten zu den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges, die nun, da die deutsche Wiedervereinigung naht, immer noch "für Deutschland als Ganzes" zuständig sind. Zum anderen macht Deutschlands wachsendes Gewicht ihre politische und militärische Anwesenheit in Europa für viele Europäer um so nötiger. Und, vielleicht am entscheidensten, auch diesmal wieder fällt es den führenden europäischen Staaten offenbar schwer, ganz ohne amerikanischen Zuspruch vernünftige Politik zu machen.

"Ihr Europäer fallt alle in eure alten Rollen zurück", seufzt ein kluger Beobachter im State Department, nicht ganz zu Unrecht. Helmut Kohl weckt durch tolpatschige Polen-Erklärungen alte Ängste vor den Deutschen, und ausgerechnet dem sonst so verbindlichen Außenminister Genscher passiert ein Ausrutscher, der kleinere Nato-Verbündete, die bei der künftigen Ordnung der europäischen Sicherheit mitreden wollen, unnötig brüskiert. François Mitterrand flüchtet sich in die verschlissene Hülse der alten Siegermacht, um Frankreichs Status selbst auf Kosten von Frankreichs Einfluß zu bewahren. Und Margaret Thatcher denkt in bester britischer Tradition nur in den Kategorien der balance of power, erst gegenüber den Russen, jetzt wieder gegenüber den Deutschen.

Aber in Europa werden die Weichen für die Zukunft gestellt, und die Männer um Bush wollen die Hand am Hebel halten – im amerikanischen und, wie sie glauben, auch im europäischen Interesse. Das heißt für sie zweierlei: Die Bindung Amerikas an den alten Kontinent muß gewahrt, die westliche und westeuropäische Integration erhalten und verstärkt werden. Die unmittelbarste Gefahr für beides sehen sie in einer Vereinigung Deutschlands, durch die, wenn niemand achtgibt, die Verknüpfung der Deutschen mit dem Westen gelockert und der Zusammenhalt in Europa und die Bande über den Atlantik aufgebrochen werden könnten. In Gefolge der deutschen Einigung, warnen sie, könnten die alten Ängste der Europäer neu erwachen und gar wieder zu einer Allianz gegen die Deutschen führen. Deswegen beschloß die Regierung Bush schon im vergangenen Jahr, Bonn zum strategischen Hauptpartner in Europa zu machen. Und heute geht es ihr darum, daß eines ganz klar ist: "Wenn Deutschland die Einheit will, dann darf es keinen Zweifel an der Bereitschaft der Vereinigten Staaten geben, es dabei mit allen Kräften zu unterstützen."

Als Anfang des Jahres Druck und Drang zur deutschen Einheit immer stärker wurden, haben deshalb Bush und seine Leute, in enger Absprache mit Bonn, jene Formel ausgeheckt, die mathematisch klingt und doch noch keine Gleichung ist – und die helfen soll, den Einigungsprozeß der Deutschen international abzusichern: Zwei plus vier – der Konsultationsprozeß zwischen den beiden deutschen Staaten und den einstigen Siegermächten des Zweiten Weltkrieges. Mitte Februar wurde er in Ottawa aus der Taufe gehoben, in der vergangenen Woche hat er in Bonn begonnen und soll in der ersten Aprilhälfte in Berlin fortgesetzt werden.