Von Michael Schwelien

Ost-Berlin, im März

Zum ersten, zum zweiten, zum dritten – die sechsbändige Marx-Ausgabe geht für 890 Mark weg. Das ist nicht viel, denn die blauen Bände dürften einen hohen Sammelwert besitzen, da sie aus dem Allerheiligsten stammen, dem Politbüro der ehemaligen SED. Und es sind nicht West-, sondern Ost-Mark, mit denen gesteigert wird. Wieviel die ebenfalls sechsbändige Lenin-Ausgabe, Fundort: das frühere Büro von Kurt Hager, erbringt, läßt sich nicht feststellen. Im Getöse der Rockmusik gehen die Angebote für die alte SED-Reliquie unter. Aber die Verkaufsaktion zeigt eines: Ideologie kann auch verramscht werden.

Denn es ist ja wirklich alles anders in der Realität. Auf der Wiese vor dem ZK-Gebäude, die zu betreten vor kurzem noch streng verboten war, lagern Familien mit Würstchen und Bier. Im Nebenzimmer des Plenarsaals spielen Kinder. Im Saal selber geben Gregor Gysi und Hans Modrow eine Art Talk-Show. Damit tun auch sie etwas, das in der einstigen Machtzentrale des SED-Staates völlig undenkbar gewesen wäre: Sie stehen jedem Frager aus dem Publikum Rede und Antwort.

Im Palast der Republik bleibt die Öffentlichkeit derweil ausgesperrt. Nur Journalisten, Politiker und wenige geladene Gäste haben Zutritt zur routiniert ablaufenden Medienschau in den Vorhallen der Volkskammer. Während die PDS die Tore des granitenen Sitzes des Zentralkomitees weit geöffnet hat, beugen sich im Palast die Politiker der CDU, der SPD und der Liberalen dem Diktat der Fernsehmatadoren. Gregor Gysi hingegen trägt Selbstbewußtsein zur Schau. Er werde nicht zur „Runde im Palast“ gehen, kündigt er an. Hätte sich der Deutsche Fernsehfunk wenigstens eine Viertelstunde für eine eigene DDR-Sendung reserviert, dann ja, dem hätten ARD und ZDF, glaubt Gysi, sicher auch zugestimmt, so aber, „gleich gesamtdeutsch“ – nein danke, „dann sollen sie zu uns kommen“.

Für die Tausende, die sich in den Raum quetschen, die staunend in den Gängen wandeln und die vor der Trutzburg des Kommunismus den Rasen zertrampeln, wirken die Worte des Vorsitzenden wie ein Elixier – zur Stärkung des Selbstbewußtseins der Minderheit gegen den „Anschluß“, gegen „Deutschland eilig Vaterland“.

Es sind etliche in der Masse, denen die langjährige SED-Zugehörigkeit anzusehen ist. Viele dürften auch schlicht schaulustig sein. Die weitaus größte Zahl aber stellen junge Leute in Jeans – Schüler, Studenten, Ökopaxe, wie sie in der Bundesrepulik auf einem Kongreß der Grünen anzutreffen wären. Anscheinend hatten viele gehofft, daß die PDS wirklich ein Drittel der Stimmen erhalten und somit eine Sperrminorität bilden würde, die Verfassungsänderungen verhindern könnte. Denn für einen kurzen Moment, als die erste Hochrechnung den SED-Nachfolgern einen Stimmenanteil von fünfzehn Prozent prophezeit, scheinen sie zu zögern, bevor der Jubel ausbricht. Aber es sind nur Augenblicke des Zweifels, denn zweierlei wird ihnen schnell bewußt: erstens, daß die PDS weit über den fünf Prozent liegt, die ihr beim Austritt des Dresdener Oberbürgermeisters Wolfgang Berghofer vorausgesagt wurden, und daß sie, zweitens, gar nicht so weit hinter der SPD herhinkt. In Abwandlung des alten Arbeiterliedes können sie somit frohlocken: Wir sind die drittstärkste der Parteien.