Die libysche Regierung bleibt bei ihrer Behauptung: Das Feuer, das am Mittwoch voriger Woche in der Chemiefabrik in Rabta ausbrach, war ein Sabotageakt. Mehrere ausländische Techniker und einige Arbeiter wurden inzwischen als Tatverdächtige festgenommen. Während nach Auffassung westlicher Geheimdienste in Rabta chemische Kampfstoffe produziert werden, dient das Werk nach libyscher Darstellung allein der Herstellung von Medikamenten.

Libyens Revolutionsführer Muammar Ghaddafi sah gleich mehrere Brandstifter am Werk. Zunächst beschuldigte er den Bundesnachrichtendienst und drohte den Westdeutschen, die sich im Land aufhalten, mit Vergeltung.

Unglücklich dürfte die Bonner Regierung über den Brand nicht sein. Schließlich wurden große Teile der Fabrik von der westdeutschen Firma Imhausen-Chemie geliefert. Der Verdacht illegaler Ausfuhren ließ sich bis heute nicht ausräumen. Außenminister Genscher hatte sich für eine internationale Aktion eingesetzt, um Libyen zur Schließung des Werkes zu zwingen.

Zum Kreis der Verdächtigen zählen die libyschen Sicherheitsbehörden auch den amerikanischen und den israelischen Geheimdienst. Für die Vereinigten Staaten ist der unberechenbare Fanatiker Ghaddafi seit langem ein Sicherheitsrisiko. Die Fernsehgesellschaft ABC berichtete in der vergangenen Woche, in Rabta würden Senfgas und Nervengifte produziert. Und der Sprecher des Weißen Hauses, Fitzwater, wollte einen militärischen Einsatz gegen die Industrieanlage nicht ausschließen. Schon im April 1986 hatte die Regierung in Washington Terroranschläge auf ihre Bürger, für die sie Ghaddafi verantwortlich machte, mit einem Luftangriff auf Tripolis und Bengasi beantwortet.

Auch für eine Verwicklung Israels sprächen sicherheitspolitische Überlegungen: Libysche C-Waffen würden insbesondere den jüdischen Staat bedrohen. Wie die Israelis auf solche Gefahren reagieren, zeigte die Zerstörung eines im Bau befindlichen irakischen Kernreaktors vor neun Jahren.

Die Regierungen der beschuldigten Staaten weisen alle Vorwürfe entschieden zurück. Der amerikanische Verteidigungsminister Cheney vermutet hinter dem Brand menschliches Versagen. Dafür spricht, daß die Anlage scharf bewacht wird und es bereits im Sommer 1988 zu einem schweren Betriebsunfall kam. Schließlich fände sich auch bei Ghaddafi selbst ein Motiv: Als „Opfer des Imperialismus und Zionismus“ könnte er verlorenen Kredit in der arabischen Welt zurückgewinnen. Jörn Arfs