Wenn wir Nachgeborenen diejenigen, die von der Zeit erzählen könnten, nach ihren Erfahrungen im Nationalsozialismus befragen, haben sich Erinnerungen meist verflüchtigt, zu Anekdoten verdichtet oder zum Blick auf das eigene Schicksal verengt. „Wir hatten doch solche Angst“, sagen viele, und „wir haben doch von nichts gewußt“. Nur, wovor sie denn Angst hatten, wenn sie doch von nichts gewußt haben, das können sie nicht erklären, dann geraten sie in Beweisnot, weil sie sehr wohl noch wissen, wie der jüdische Mitschüler aus der Klasse, der Nachbar aus seiner Wohnung verschwand, weil sie natürlich wußten, daß es „Arbeitslager“, daß es KZs wie Dachau gab. Von den Vernichtungslagern, die ja von den Nationalsozialisten wohlweislich nicht in den Grenzen des sogenannten Altreichs angesiedelt worden waren, hatten wohl viele tatsächlich nichts gehört. Das Ausmaß der Vernichtung blieb den meisten unbekannt. Doch je intensiver sich die Forschung mit dem Alltag im Dritten Reich, mit dem Procedere der Arisierung, der Verfolgung, der Deportation und der Vernichtung befaßt, um so deutlicher wird die Verstricktheit von vielen in die deutschen Verbrechen. Sie haben zu- und weggeschaut, konnten nicht alles übersehen, was sich vor ihren Augen abspielte.

Die Legende von der Ahnungslosigkeit zu entlarven ist das Ziel des Bandes

  • Jörg Wollenberg (Hrsg.):

„Niemand war dabei und keiner hat’s gewußt“ – Die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung 1933-1945

Piper Verlag, München 1989; 271 S., 17,80 DM

Dicht gedrängt steht die Phalanx der bürokratischen Handlanger der Vertreibung und Vernichtung, der „arischen“ Karrieristen im Kunstbetrieb, in der Justiz und in der Wirtschaft, der Profiteure der Arisierung, der wissenden Wehrmacht, der willigen Beamten. Da sind die Angestellten der Reichsbahn, Walter Stier zum Beispiel, der – so beschreibt es Heiner Lichtenstein – „bei der Ostbahn Fahrpläne zusammengestellt (hat), auch solche für Todeszüge“. Natürlich wußte auch Stier von nichts. „Ich habe diese Dinge nur vom Schreibtisch aus behandelt, die Züge also rein fahrplantechnisch erledigt.“ Und weil er das so gut gemeistert hat, wird Stier nach dem Krieg Amtsrat bei der Bundesbahn.

Da sind die „Reichsbankbeamten, die die (jüdischen) Goldzähne zum Schmelzen in die Preußische Staatsmünze tragen“, da sind Offiziere, die sich weniger erschreckt vom Massenmord zeigen als über die „Gefahr der Verrohung“ der dafür eingesetzten Leute. „Solange sichergestellt blieb“, schreibt Manfred Messerschmidt, „daß die Soldaten nicht zu disziplinlosen Mördern wurden, erlaubte sich die Heeresführung keine Kritik an dem, was nach dem Willen des Führers zu geschehen hatte.“ Da ist der „Glücksritter der staatlich organisierten Barbarei“, Wolfgang Willrich, ein erfolgloser Maler, der erfolgreich gegen die Verjudung der deutschen Kunst hetzt und 1934 zur Belohnung „vom Reichsbauernführer Darré ‚zur künstlerischen Gestaltung des Staatsgedankens von Blut und Boden‘ nach Berlin berufen wurde“, wie Ernst Piper berichtet. Da sind Georg Karg (Hertie), Helmut Horten, Gustav Schickedanz (Quelle), Josef Neckermann und Friedrich Flick, die – dank sei den Umständen – jüdische Unternehmen günstig „erwerben“ und sich üppig an der Arisierung bereichern konnten. „Die distinguierten und wohlerzogenen ‚arischen‘ Großunternehmer“, so Jörg Wollenberg, „... versuchten lediglich, sich die eigenen Hände nicht allzu dreckig zu machen.“ Sicher haben auch sie von nichts gewußt, unschuldig fühlten sie sich wohl ohnehin. Geschäft ist Geschäft. Sie hatten kein Gesetz übertreten, um die „Übernahmen“ ordentlich abzuwickeln.