Von Helmut Schödel

Als in der Gegend von Pregarten im oberösterreichischen Mühlviertel um 1900 die Ruhr ausbrach, ließ Johann Lampelmaier die Peitsche schnalzen. Er war Roßknecht bei einem Mühlviertler Bauern und wagte, was sich sonst wegen der Ansteckungsgefahr keiner im Dorf getraut hat: Er brachte einen maroden Bauern nach Linz ins Spital. Vorher soff er einen Liter Rum aus und rief: „I fohr, holoderoooh!“ – und ab ging die Höllenfahrt.

Auf einmal sei ein unheimlicher Fremder auf seinem Fuhrwerk gesessen, erzählte Lampelmaier noch Jahrzehnte später und bestritt, daß dieser Geist aus der Rumflasche gekommen sein könnte. Er habe diesen Gottseibeiuns auch mit der Peitsche nicht mehr vom Wagen gebracht, sei aber trotzdem weitergefahren. Über die sanften, zur Donau hin abfallenden Hügel jener Gegend sah man also einen betrunkenen Fuhrmann, einen Todkranken und ein Gespenst nach Linz unterwegs. Unser erstes Bild von Lampelmaier: der Fatalist.

Lampelmaiers Mutter war 1883 bei seiner Geburt gestorben. Sieben Jahre später wurde sein Vater im Wald von einem Baum erschlagen. Seine ältere Schwester, jetzt sein Vormund, gab ihn schon im Grundschulalter als Hirtenjungen zu einem Bauern. Dort hat er Schafe gehütet, und wenn der Lehrer in der Schule fragte, wo denn der Lampelmaier sei, schickte ihm der Bauer zur Beruhigung ein Stück Speck. Lampelmaier blieb Analphabet. Schreiben lernte er erst beim Militär.

Auf dem Bauernhof hatte er nicht einmal eine Kammer, schlief er im Sautrog, einer Wanne aus Holz, die nur beim Schlachten gebraucht wurde.

Erst wird die Sau abgestochen, dann in die Wanne gelegt und mit kochendem Wasser überbrüht. Statt der Sau legten sie Lampelmaier in den Trog. So wuchs er auf, ein halber Kaspar Hauser.

Als er, der Knecht, später eine Bäuerin heiratete – ein Skandal in Aist, Gemeinde Pregarten – wurde er Vater zweier Kinder: Karl und Johanna Lampelmaier, genannt Hanni, verehelichte R. Beinhart sei der Vater gewesen, erzählt sie. „Er hat ja keine Liebe ned kennt.“ Sie sagt: „Beinhart, aber nicht brutal.“ Was denn der Unterschied sei. „Beinhart“ sei immerhin noch gerecht, sagt sie. „Aber mucksen hast du nicht dürfen, sonst hast du eine kriagt, daß dir der Schädel umigschaut hat.“