Von Julia Tugendhat

Vor ein paar Monaten hat in den englischen Medien ein merkwürdiger Schlagabtausch zwischen Robert Runcie, dem Erzbischof von Canterbury, und Premierministerin Margaret Thatcher stattgefunden. In einem Interview, das er einem Business-Magazin gegeben hat, sprach der Erzbischof in archaischer Bibelsprache von der Gefahr, daß erfolgreiche Leute in einer Überflußgesellschaft sehr leicht genauso „selbstherrlich und ungerecht“ wie die Pharisäer gegenüber Arbeitslosen, Armen und geistig Zurückgebliebenen werden. Die Premierministerin ärgerte sich über diese Bemerkung, denn sie verstand sie als neuerliche Kritik der Kirche an ihrer Sozialpolitik. In einer mitreißenden Rede bestritt sie, daß die Briten eine verantwortungslose und gleichgültige Gesellschaft seien und konterte: „Auf jeden Pharisäer kommen drei Samariter!“

Aufgeschreckt von diesem Kreuzfeuer, machten sich die Journalisten sofort daran, in der Bibel (Lukas 10) die Geschichte des Mannes nachzulesen, der ausgeraubt, geschlagen und halbtot am Wegesrand liegengelassen worden war, bevor ihm der Samariter zu Hilfe kam und seine Wunden wusch und verband. Ich brauchte mich lediglich ein bißchen in meinem blühenden London umzuschauen, da lagen schon die Stadtstreicher am Wegesrand, genauer gesagt in der Hauptstraße.

Drei Männer haben sich in einer Nische gegenüber den öffentlichen Toiletten häuslich niedergelassen. Sie haben einen ständigen Vorrat an Fusel bei sich, schnorren Zigaretten und bitten um Fahrgeld für einen Besuch bei ihrer kranken Mutter, aber sie nennen das nicht betteln. Wenn sie nicht gerade schlafen, sitzen sie, in Gespräche vertieft, zu Füßen ihres Anführers, eines recht jungen Mannes im Rollstuhl mit struwweligen roten Haaren und einem grün und blau geschlagenen, zernarbten Gesicht. Wenn man die Straße ein bißchen weiter hochgeht, trifft man vor dem Prontoprint-Laden auf die örtliche „Tüten-Lady“. Es ist schwer zu sagen, wie alt sie ist, weil ihr Kopf auf ihren entblößten Brüsten festgewachsen ist. Im Gegensatz zu den Männern zieht sie sehr bepackt umher. Sie schleppt ihre gesamte Habe in Plastiktüten, aus denen alle möglichen Kleidungsstücke hervorquellen.

Das sind nun 4 von 2000 oder mehr Obdachlosen, die harte Nächte in London zubringen müssen. Bei der letzten Zählung im April gab die Heilsarmee an, daß 83 Prozent männlichen Geschlechts waren und 60 Prozent weiß. Die Mehrzahl war zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt, doch die Zahl junger Leute unter zwanzig Jahren wächst. Im Gegensatz zur Öffentlichkeit nimmt die Heilsarmee an, daß sie es irgendwie schaffen, nachts eine Bleibe zu finden. Die 2000 sind nur die Spitze des Eisberges. Dreiundsiebzigtausend Menschen ohne festen Wohnsitz werden in London zeitweise in überfüllten Herbergen oder Bedand Breakfast-Unterkünften untergebracht, oder aber sie leben illegal in leerstehenden Wohnungen.

Es wäre zu einfach, die Schuld an der gestiegenen Zahl der Obdachlosen nur dieser Regierung in die Schuhe zu schieben. Die Zerrüttung der Familien etwa (eine von drei Ehen endet mit der Scheidung), auch der nachlassende Einfluß der Kirche spielen eine Rolle. Was London selbst betrifft, haben mehrere Faktoren zur Verschärfung des Problems beigetragen. Die Hauptstadt zieht die jungen Leute an, die von zu Hause oder aus Gebieten mit einer hohen Arbeitslosenrate weglaufen. Der Verkauf von staatlich subventionierten Wohnungen und die Schließung einiger Herbergen haben zu einem akuten Mangel an Wohnraum geführt. Einer von vier Psychiatrie-Patienten, die aus Londons Kliniken im Zuge einer neuen Politik der „Fürsorge durch die Gemeinschaft“ entlassen werden, endet auf der Straße.

Wie reagiere ich auf dieses immense Problem? Theoretisch bin ich empört und schockiert, daß wir es als Gesellschaft zulassen, Menschen durch sämtliche sozialen Auffangnetze auf die Straße fallen zu lassen. Ich bin beschämt, wenn ich daran denke, was Besucher aus dem Ausland von uns halten müssen. Aber in der Praxis sieht es so aus, daß ich an den Besitzlosen in meiner Straße vorbeieile, den Kopf weggedreht und mit angehaltenem Atem. Ich wünsche mir sehnlichst, sie mögen von den Straßen verschwinden und mir aus den Augen, damit ich mich ihretwegen nicht mehr schuldig fühlen muß.