Von Joachim Fritz-Vannahme

Rennes, im März

Allein Parteichef Pierre Mauroy schwenkte eine welke Rose. Am Ende des Kongresses der französischen Sozialisten im bretonischen Rennes mochte keiner der übrigen Spitzenpolitiker auf der Tribüne mehr zum Symbol der Partei greifen. Dieser zehnte Parteitag im neunzehnten Jahr des Bestehens der Parti Socialiste war der erste, der ohne gemeinsame Schlußresolution, ohne neugewählte Führung, ohne mindestens den Anschein von Einigkeit endete. Nie waren Frankreichs Sozialisten derart zerstritten.

Insgesamt sieben Jahre an der Macht genügten, um den Vorwurf der Inkompetenz zu entkräften. Doch im verflixten siebten Jahr lautet die Diagnose statt dessen Impotenz. Die Partei zeigte sich in Rennes unfähig, Gedanken in die Weltläufe und die Lage im Land zu investieren. Parteigründer François Mitterrand vermochte nicht, seinen Wunschkandidaten, den ehemaligen Premierminister Laurent Fabius, als Parteichef durchzusetzen. Und das Parteivolk sah machtlos dem Kampf um die Macht zu.

War’s nun ein Shakespearesches Königsdrama, war’s eine Ionescosche Absurdität, was in Rennes gegeben wurde? Monatelang hatte Fabius mit Geschick und ohne Rücksicht Gefolgsleute um sich geschart. Doch am Schluß fehlten ihm zum Sturm auf den Vorsitz einige wenige Mandate. Wochenlang hatten seine Gegner untätig zugesehen, wirkte der attackierte Mauroy müde und mürbe, bis Erziehungsminister Lionel Jospin dem ehrgeizigen Fabius die Stirn bot.

Zum Duell traten somit der Lieblingssohn und der Lieblingsschüler Mitterrands an: Fabius, den der Präsident 1984 zum jüngsten Regierungschef Frankreichs seit über hundert Jahren kürte; Jospin, dem Mitterrand nach seinem Einzug ins Elysée 1981 die Partei anvertraut hatte. Nicht politische Überzeugungen trennen die beiden, sondern ihre Vorstellungen von Politik. Der eine ist ein Talent, der andere ein Charakter. Fabius hält auf Effizienz, Jospin auf Engagement.

Fabius, der heutige Präsident der Nationalversammlung, von keiner Kabinettsdisziplin gebunden, träumt von der Macht in der Partei, der Macht im Staat, der Macht für sich. Jospin hält so unverhohlenen Machthunger für unanständig und schädlich für die Moral seiner Partei. Doch hat der Minister, den man sich gut als freundlichstrengen Schuldirektor vorstellen kann, in seinen Jahren an der Parteispitze weder für eine breitere Mitgliederbasis noch für ein schärferes Programmprofil gesorgt. Zwar feierten die Sozialisten vor fünf Jahren in Toulouse unter ihm ihr Bad Godesberg und machten das alte Schimpfwort vom Sozialdemokraten zum Ehrentitel. Doch war das nur die Absegnung der zuvor schmerzvoll durchlebten Austeritätspolitik.