Eine schonende Therapie für Testosteronmangel

Von Hans Harald Bräutigam

Daß eine internationale wissenschaftliche Tagung sich ausschließlich mit „Testosteron, dem Hormon des Mannes“, befaßt, ist ungewöhnlich Eberhard Nieschlag, der Chef des Instituts für Reproduktionsmedizin der Universität Munster, hat am 12 Marz mit über hundert Kollegen neue Methoden der Testosteronanwendung diskutiert Dabei ist diese Substanz nicht neu, vor genau fünfzig Jahren hat sie Adolf Butenandt, Biochemiker der Kaiser Wilhelm Gesellschaft aus dem Harn Berliner Polizeischüler isoliert Für die Entdeckung dieses Steroids ist er 1939 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden

Testosteron entsteht in den sogenannten Leydig-Zellen des Hodens Für die Zirkulation im Blut wird es an ein Transporteiweiß gebunden, um die verschiedenen Zielorgane, im Zentralnervensystem, in der Hirnanhangsdruse und der Muskulatur, zu erreichen Das wichtigste männliche Hormon ist auf die Entwicklung des mannlichen Habitus gerichtet Daß Manner ihre primären und sekundären Geschlechtsmerkmale, Knochen- und Muskelentwicklung, aber auch partiell ihr psychisches Verhalten einem Wirkstoff verdanken, der im Hoden gebildet wird, ist schon lange bekannt

Erste Hinweise hat vor über hundert Jahren der deutsche Naturforscher A Berthold mit seinem „Hahnenkamm“-Experiment gefunden Er hat einem kastrierten Hahn in die Bauchhöhle lose Hoden eingepflanzt und wenig spater beobachten können, daß dem Hahn der Kamm wieder schwoll Aus dieser Beobachtung hat er richtig geschlossen, daß aus Hodengewebe Wirkstoffe in das Blut abgegeben werden Spater ist es holländischen Forschern gelungen, mit der Gabe von Stierhodenextrakt bei Kapaunen ein deutliches Wachstum ihres Kammes zu erzielen

Beim Menschen kann ein Mangel an Testosteron angeboren oder durch Hodenverletzung bedingt sein Mit einer geringeren Produktion von Sexualhormon müssen aber auch altere Manner rechnen Auch wenn die meisten das nicht so gerne wahrhaben wollen oder darüber sprechen mögen William Bremner von der Universität in Washington hat festgestellt, daß bei Siebzigjährigen viel weniger Testosteron produziert wird, als bei Jungeren Bedeutungsvoller als der absolute Testosteronwert im Blut (durchschnittlich sieben Nanogramm pro Milliliter) sind die tageszeitlichen Schwankungen hohe Morgenwerte und tiefe Abendwerte Das geht auch mit morgendlichen Erektionen einher, an die sich manch alterer Mann mit gewisser Wehmut erinnert

Der Mechanismus der Steuerung von korpereigener Testosteronproduktion ist sehr kompliziert Der Hypothalamus im Zwischenhirn wirkt auf die Keimdrusen im Hoden ein und veranlaßt über das Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH) die stoßartige Freisetzung von Testosteron Da dies nachts und in den frühen Morgenstunden häufiger erfolgt, verlauft der Testosteronspiegel nie gleichmäßig