Von Fritz J. Raddatz

Das Abenteuer beginnt bereits kurz nach der Landung in Lima – die Einfahrtstraßen zur Stadt sind gesäumt mit riesigen Plakaten, auf denen Mario Vargas Llosa im Kennedy-Look lächelt; ein Romancier will Präsident werden. Das Abenteuer setzt sich fort mit klandestinen Telephonaten, verschobenen Terminen, Reisen ohne Zielangaben („aus Sicherheitsgründen“) und schließlich dem Treffen in der schwerbewaffneten Villa in Barranco direkt am Ozean – das ganze Viertel ist umstellt, schwarze Limousinen mit Bodyguards patrouillieren durch die Straßen, vor dem Tor ein Posten mit Maschinengewehrgurten und schußsicherer Weste, im Innenhof ein Zivilist mit Pistole, der höflich nach den Waffen des Besuchers fragt; die Waffe ist aber nur ein Sanyo-Minitonbandgerät. Kaum ist das eingeschaltet, kommt auch Vargas Llosa – strahlend, braungebrannt, kräftigen Optimismus verbreitend: einer der bekanntesten Schriftsteller des lateinamerikanischen Kontinents, erfolgreich von den USA bis Deutschland.

Fritz J. Raddatz: Da Sie einen besonders eindringlichen Essay über Flaubert geschrieben haben, werden Sie dessen Satz kennen, aus dem Sie ja den Titel Ihrer Studie wählten: „Das einzige Mittel, die Existenz zu ertragen, ist, sich in der Literatur wie in einer ewigen Orgie zu betäuben.“ Und nun?

Mario Vargas Llosa: Sie erwischen mich gleich zu Beginn; denn das hat sich bei mir nun gründlich verdreht – die Realität frißt mich auf.

FJR: Eben. Wahlreden, Fernsehansprachen, politische Polemiken, Statistik-Diskussion, Wirtschaftsprognosen: Was tut das mit dem Schriftsteller Mario Vargas Llosa? Vargas Llosa: Es vernichtet, verschlingt ihn. Das ist für mich persönlich das Hauptproblem! Die Sprache der Politik ist stumpf, sie arbeitet notwendigerweise mit Klischees, ist grob statt reflektiert. Dieser zwangsläufig falsche Umgang mit der Sprache kann die meine dumpf machen. Ich mache mir da nichts vor: Diese Art, sich in Politik zu engagieren – also nicht mehr nur als politisierter Intellektueller Reden zu halten, Diskussionen zu führen, sondern Politik zu machen –, ist der zumindest zeitweise Abschied von der Literatur. Werde ich gewählt, habe ich nicht nur das mörderischste Amt im Lande, sondern bin ich als Schriftsteller ein tödliches Risiko eingegangen.

FJR: Aber warum macht jemand wie Sie das, der behaglich – und unbewacht – in diesem schönen Haus oder in seiner Londoner Wohnung leben könnte, der erfolgreich genug ist, daß er den 50 000-Dollar-Ritz-Preis einer Schule in den Anden stiftet; und: Kann er das überhaupt? Peru ist wirtschaftlich am Ende. Verstehen Sie genug von dem „Geschäft“, das auf Sie zukommt?

Vargas Llosa: Zwei Fragen, zwei Antworten. Ich mache es, weil mir räsonieren nicht mehr genügte, diese politisch aufgeschminkten Reden eines Literaten, die auch ich hielt. Weil ich mit Pamphleten, Forderungen, meiner Kritik an dem Desaster-Kurs der Regierung und bestimmten Vorschlägen wider eigenes Erwarten von einer riesigen Woge der Zustimmung getragen wurde –