Auf den ersten Blick: noch ein Führer durch Paris, sehr systematisch, mit Plänen, Routenvorschlägen, Sehenswürdigkeiten. Doch dieser läßt Eiffelturm und Notre Dame links liegen, er leitet und begleitet durch einen literarischen Mikrokosmos.

Die Amerikanerin Mary Ellen Jordan Haight wandelt auf den Spuren der Künstler und Schriftsteller, die das rive gauche Anfang des Jahrhunderts zum kulturellen Zentrum der Welt machten: Sie macht „Spaziergänge durch Gertrude Steins Paris“.

„Die Straßen singen“, schrieb Henry Miller 1930, „die“ Steine sprechen. Von den Häusern tropft Geschichte, Ruhm und Romantik.“ Weltstadtatmosphäre, Liberalität und Lebensqualität lockten Literaten und Bohemiens aus ganz Europa und den USA. Gab es je so viele Genies pro Quadratmeile, eine fruchtbarere Zeit für Kunst und Literatur? Fakten- und zitatenreich, stilistisch ambitionslos, gelegentlich etwas lexikonsteif führt die Autorin durch Cafés und Ateliers, Studios und Soirees, Minipressen und Premieren. Sie entschlüsselt die Vorbilder für Romanfiguren und verifiziert literarische Schauplätze.

Es fehlt auch nicht an Klatsch im Quartier; wo Talent in Fülle sprießt, schießen auch Spott und Häme ins Kraut. Der Schriftsteller William Carlos Williams traf in Paris Gertrude Stein. Wenn er so viele unveröffentlichte Manuskripte hätte wie sie, sagte Williams in einer Unterhaltung mit der Mutter der lost generation, würde er die besten aussuchen und den Rest verbrennen. Sie, konsterniert: „Zweifellos. Schreiben ist schließlich nicht Ihr Metier.“ Darauf er: „Sind Sie sicher, Dr. Stein, daß Schreiben Ihr Metier ist?“

Die Literatour durch St. Germain und Montparnasse kann man auch im Lesesessel genüßlich nachvollziehen und sich zu weiterer, detaillierterer Lektüre anregen lassen. Dabei hilft ein ausführliches Literaturverzeichnis auf die Sprünge. Geradezu sträflich hingegen ist der Verzicht auf einen Index. Und schade, daß auch beim Druck der kenntnisreich aus vielen Quellen zusammengetragenen Photos der Sparstift des Verlages Besseres verhindert hat – die Stadtpläne gar erreichen nur Photokopiequalität: Anstiftung zur Irreführung.

Wolfgang Nagel

  • Mary Ellen Jordan Haight: