Von Ulrich Stock

Schlutup / Neumunster / Kellinghusen

Stellen wir uns einmal vor, wir seien nicht gelangweilte Bundesbürger (Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein? Gähn!) sondern interessierte Demokraten aus der DDR, die nach vollbrachter Abstimmung daheim einmal schauen wollen, wie der politische Alltag nebenan so abläuft. In unserem Wartburg steuern wir den Westen an und stecken zwischen Selmsdorf, DDR, und Lübeck-Schlutup, BRD, gleich im ersten dicken Stau. Zwei Stunden auf der Stelle! Drüben, erzählen uns die freundlichen Grenztruppen der DDR, stehe das Volk von Schlutup auf der Straße.

Das ist wahr. Schon dreimal haben die Einwohner des Lübecker Stadtteils ihre Hauptstraße blockiert: weil sie den Lärm, den Gestank und den Anblick einer nicht enden wollenden Kette aus Trabanten, Skodas und „Müllbombern“ (die Lastwagen von und zur Schönberger Gift-Deponie) nicht mehr ertragen können.

Am Straßenrand hören wir eine Mutter klagen: „Tagaus, tagein dieses Hupen, stundenlang, die Luft brennt in den Augen, vier Wochen hat meine Tochter Husten, und seit dem 9. November muß ich sie jeden Tag aus der Schule holen, weil die Autos am Zebrastreifen ja nicht halten.“

Wir, als Fremde, sehen sofort ein: Schlutup braucht eine Umgehungsstraße. Und wir sind sicher, Schlutup wird sie auch bekommen, denn Lübeck stehen ja nicht rücksichtslose SED-Bonzen vor, sondern bürgernahe SPD-Politiker mit westlicher Flexibilität. Doch was hören wir von Helmut Strehl, Inhaber von „Papier-Strehl“: „Wir sind das letzte Dorf hinten im Wald, und so sind wir auch immer behandelt worden.“ Er erzählt, der Lübecker Baustadtrat habe von „fünf Jahren“ gesprochen, die es brauche, „eine richtig konzipierte Straße“ zu planen, und uns, die wir noch wissen, was ein Fünfjahresplan ist, muß Herr Strehl gar nichts weiter erklären.

„Wir gehen solange auf die Straße, bis man uns erhört“, sagt Bertold Möller, Sprecher der Schlutuper Bürgerinitiative. „Wenn diese Dinge nicht mit demokratischen Mitteln zu lösen sind, daß man also jemanden anruft und sagt: ‚Wir brauchen Hilfe‘, dann geht es nur mit der Brachialgewalt der Öffentlichkeit und der Medien. Das ist unsere Freiheit, die wir haben.“ Bertold Möller erzählt uns, daß er, als Chef einer Bau-GmbH, Herr über 95 Mitarbeiter sei, und wenn es da in seinem Betrieb mal ein Problem zu bewältigen gebe, dann würden sich die zuständigen Leute einen Nachmittag lang zusammensetzen, und niemand dürfe den Raum verlassen, bis die Sache geklärt sei. So gehe das. Bei der Stadt Lübeck dauere es dagegen Wochen, Monate und Jahre, „die kriegen immer neue Ämter“, und wenn sich noch mal ein Bürger auf ein Amt verirre, um einen Antrag zu stellen, „dann merken die das gar nicht mehr, die sind völlig autonom“.