Nicht jeder findet eine Lehrstelle, obwohl zu viele angeboten werden

Von Dirk Kurbjuweit

Schulschwester Christel hat die Altersgrenze für Auszubildende weit nach oben verlegt: Ihr ältester Lehrling ist schon über fünfzig. Gemeinsam mit siebzehnjährigen Jungen und Mädchen drückt er die Schulbank in der Krankenpflegeschule des Essener Hospitals Huyssens-Stiftung. Bis vor vier Jahren konnte Schwester Christel unter zehn Kandidaten wählen, wenn eine Lehrstelle zu besetzen war. Heute wird genommen, wer sich bewirbt. Trotzdem sitzen in einer Klasse nur dreizehn Krankenpflegeschüler, früher waren es zwanzig.

Der Lehrstellenmarkt, so scheint es, kommt nie zur Ruhe. Bis Mitte der achtziger Jahre war die Not groß, weil nicht jeder Bewerber einen Ausbildungsplatz finden konnte. Dann kippte der Markt langsam, und heute ist es genau umgekehrt. Nach dem Berufsbildungsbericht 1990, der Anfang März dem Bonner Kabinett vorgelegt wurde, waren am Stichtag 30. September 1989 rund 85 000 Lehrstellen unbesetzt. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks spricht gar von 200 000 freien Ausbildungsplätzen nur bei den eigenen Mitgliedern. Zwei Trends wirken hier zusammen: Geburtenarme Schulabgänger-Jahrgänge auf der einen Seite, prosperierende Wirtschaft auf der anderen.

Großer Werbeaufwand

"Der Markt ist leergefegt", klagt Karl Esser vom Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks, das händeringend noch nach 3000 Frühaufstehern sucht. Gerhard Bartel vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall sieht Zeiten kommen, da man "Lehrlinge mit dem Lasso fangen" müsse. Tatsächlich wird sich die Schere zwischen Angebot und Nachfrage weiter öffnen: Zum 30. September 1990 dürfte das Defizit noch größer sein. Ein Ausgleich ist erst Mitte der neunziger Jahre zu erwarten.

Zwar greifen die Arbeitgeber noch nicht zum Lasso, doch treiben sie großen Werbeaufwand, um Jugendliche für sich zu gewinnen. Gesamtmetall zum Beispiel schickt sieben Infomobile durch die Bundesrepublik, das Hotel- und Gaststättengewerbe läßt Radiospots senden, das Baugewerbe zeigt Interessenten ein flottes Video. Die Bäcker sind so besorgt um die Zukunft ihrer Zunft, daß sie schon den Kleinen im Kindergarten mit Malbüchern weismachen wollen, daß Kuchen backen mindestens genauso schön ist wie Kuchen essen. Alles mögliche versprechen die Lehrherren ihren Kandidaten, eine Wohnung zum Beispiel, Aufschläge zur Ausbildungsvergütung oder Arbeit an anspruchsvollen, modernen Maschinen. Werden Lehrjahre zu Herrenjahren?