Der Konsum mit geliehenem Geld bleibt gefährlich

Von Udo Perina

Hunderttausende von Bundesbürgern sitzen in der Schuldenfalle. Monat für Monat stottern sie Raten ab, doch ihr Soll wird nicht weniger. Oft geht es nur um Minusbeträge zwischen 20 000 und 30 000 Mark. Trotzdem haben viele keine Aussicht, jemals in die schwarzen Zahlen zu kommen. Nicht selten müssen gar nach dem Tod der Schuldner deren Kinder weiterzahlen – eine Misere, als deren Ursache bisher ein fehlendes Verbraucherrecht und ein veraltetes Abzahlungsgesetz aus dem Jahre 1894 galten.

Nun soll alles besser werden. Nach jahrzehntelangem Ringen hat die Bonner Regierung endlich dem Bundestag ein Verbraucherkreditgesetz zur Beschlußfassung vorgelegt. Justizminister Hans A. Engelhard will mit dem neuen Paragraphenwerk die Kreditnehmer vor dem Strudel der Verschuldung retten. Doch Verbraucherschützer und Juristen ahnen Schlimmes. Für sie kommt mit der Reform kaum eine Verbesserung. Manche kritisieren das geplante Gesetz sogar als "Morgengabe" an die Banken.

Verbraucher- oder Konsumentenkredite, häufig von speziellen Teilzahlungsbanken vergeben, gehören zu den teuersten Spielarten des Schuldenmachens. Ihre Zinssätze liegen oft um bis zu hundert Prozent über den marktüblichen Sätzen. Hinzu kommen Spesen und Extragebühren, wie etwa Disagien, Provisionen – in der Regel fünf Prozent –, sowie Prämien für eine Restschuldversicherung. Die Banken begründen die saftigen Kosten mit den größeren Risiken, die sie mit solchen Krediten eingehen. Die einzige Sicherheit, die der Kunde zu bieten habe, sei seine Arbeitskraft. Meist beginnt die "Kreditkarriere" eines Verbrauchers deshalb auch mit der Abtretung seiner Lohn- oder Gehaltsansprüche an die Bank.

Trotz solch schlechter Konditionen haben sich die privaten Kunden in der Bundesrepublik derzeit 230 Milliarden Mark für Konsumzwecke ausgeliehen, durchschnittlich 8400 Mark je Haushalt. Mit dem Geld finanzieren sie vor allem Autos und Möbel, aber auch Personalcomputer, Urlaubsreisen und Pelzmäntel. Im Normalfall sind solche Kredite nach zwei, drei oder vier Jahren samt Zinsen zurückgezahlt, doch nicht immer gehen die Schuldenpläne auf. Der Verlust des Arbeitsplatzes, unerwartete Einkommenseinbußen oder eine Ehescheidung führen schnell dazu, daß das Geld für die Monatsraten plötzlich fehlt. Meist geraten ohnehin Kleinverdiener in solche Zahlungsnöte: Arbeiter, Rentner und Hausfrauen.

Nirgendwo in Europa ist der Markt für Geldverleiher so rentabel wie in der Bundesrepublik. Eine Studie im Auftrag der EG-Kommission ergab vor einem Jahr, daß deutsche Konsumentenkredite – gemessen an den Refinanzierungskosten der Banken – um mehr als 135 Prozent über dem europäischen Niveau liegen. Ein Teil der gebeutelten Kreditnehmer könnte durchaus auch günstigere Kredite bei einer klassischen Universalbank bekommen. Doch viele scheuen den Bittgang zur Hausbank, weil sie im Schuldenmachen noch immer etwas Unanständiges sehen. Private Schuldenkrisen sind mittlerweile zu einem gravierenden sozialen Problem geworden. Jährlich werden etwa 1,5 Millionen Verbraucherdarlehen "notleidend", wie es im Bankenjargon heißt. Allein 1987 wurden nach Angaben der nordrhein-westfälischen Verbraucherzentrale rund 400 000 Verträge vorzeitig gekündigt. Nicht alle diese Fälle führen in die Katastrophe, doch für rund zwei Prozent aller Schuldner kommt es zum Desaster.