Von Jutta Duhm-Heitzmann

Das Land braucht, nach dem Schock der Freiheit, seine Künstler, findet Opernregisseur Harry Kupfer: „Das Theater ist dazu da, Utopien durchzuspielen.“ In dieser Woche hat seine Tannhäuser-Inszenierung in Hamburg Premiere.

Erbarmungslos den dortigen Zuständen gegenüber“ sei er, sagt Harry Kupfer und ist so wütend, wie er in seiner grundsätzlichen Gutmütigkeit überhaupt wütend sein kann. „Erbarmungslos, weil ich umgeben bin von Wendehälsen, die furchtbare Dinge gemacht haben und jetzt so tun, als hätten sie die Revolution schon vor zehn Jahren geplant.“ Zieht an seiner Pfeife, die er als unentbehrliches Requisit in den Händen hält und die permanent ausgeht, weil er redet: über Politik, über Musik, Theater, Menschen, die rotblonden Haare wirr, die Augen oft voller Verwunderung, staunend wie ein Kind. Ein unaufhörlicher Strom von Gedanken, Ideen, Assoziationen, die ihm durch den Kopf schießen, sich ordnen und wie Wortkaskaden über den Zuhörer kommen. Keiner, der sich in Selbstbespiegelung gefällt, sondern einer, dessen Verstand nicht stillstehen kann, nicht einmal abends, beim Rotwein, zu nunmehr weit über mitternächtlicher Stunde, nach langem Probentag.

Der 55jährige Berliner (Ost) ist seit seinem Deutschland(West)-Debüt in Bayreuth 1978 einer von Europas erfolgreichsten – und zu Zeiten auch umstrittensten – Opernregisseuren. Seit dieser Zeit ist er Grenzgänger – zu Hause im Osten, vertraut mit dem Westen, mit klarem Blick für die Deformationen in beiden Staaten: der Erfolgs- und Überflußgesellschaft hier, der staatlichen Gängelungsgesellschaft drüben.

Kein Ideologe, kein Mitmacher und doch einer mit „Privilegien“, die er akzeptierte, weil er für sie gearbeitet hatte, auf seinem ureigensten Gebiet, der Opernbühne, und weil, wie er sagt, er keine Kompromisse habe schließen müssen, deren er sich heute schämen würde. Dennoch ein Dickkopf, der eher „rübergemacht“ hätte, als in die Partei einzutreten – nicht zuletzt, weil diese Partei den weltanschaulichen Materialismus vertrat, „und ich bin alles andere als das, bis hin zum Christentum – nur ohne die Kirche, die ich als Institution nicht mag“. Aber auch weil Harry Kupfer miterlebt hatte, wie diese Partei entstanden war nach dem Krieg, schon damals voller „Wendehälse“, die das eine Parteiabzeichen nur abnahmen, um sich das nächste anzustecken. „Ich war noch ein Kind, aber es schüttelte mich schon vor Ekel – vielleicht, weil ich es sogar in der eigenen Familie mit ansehen mußte.“

Die Familie: kleinbürgerliches Arbeitertum mit Wohnung am Prenzlauer Berg, deren einzige Beziehung zur Kunst darin bestand, daß die Eltern von der Kultur im Vorkriegs- Berlin schwärmten. Theatergänge ab und zu, aber keine Musiker, keine Klavierspieler. Nichts, was darauf hindeutete, daß Sohn Harry eine ganz und gar verrückte, unverrückbare, alles andere überlagernde Liebe zu dieser Kunst-Spezies Oper entwickeln würde.

Die erste, „Der Barbier von Sevilla“, in die er unvorbereitet geriet, hineingescheucht von der Schule, wurde zur Initiation, die süchtig machte. Seitdem gab es nur Theater: Brecht, Felsenstein, „Aufführungen, nach denen oft niemand klatschte, sondern alle still nach Hause gingen“, im Osten wie im Westen der Stadt, „denn Grenzen gab’s ja nicht ... Es war klar, ich mußte zum Theater. Singen konnte ich nicht, das hätte ich am liebsten gewollt, und da mußte ich einen Ersatzberuf suchen und habe Regie gewählt.“ Theaterstudium in Leipzig, dort eine zweite Offenbarung: die Vorlesungen von Ernst Bloch und, vor allem, Hans Mayer, damals noch DDR-Bürger, die das verbotene Denken sanktionierten, forderten, provozierten. Als der ehrgeizige, arbeitsgierige junge Mann in Halle seinen ersten Oberspielleiter-Posten erhielt, 1958 in Stralsund – finsterste Provinz also und wahrscheinlich das Beste, was ihm passieren konnte –, hatte er neben seiner Starrköpfigkeit in Sachen Weltanschauung noch etwas anderes im Gepäck: Freud-Lektüre, und das zu einem Zeitpunkt, als der Psychoanalytiker für die Altersgenossen im Westen noch nicht viel mehr war als ein Name.