Mehr als 250 Prozent Kursgewinn an einem einzigen Tag konnten Anleger im vergangenen Oktober mit einem neuartigen Spekulationsinstrument der Dresdner Bank verbuchen. Sie mußten am 16. Oktober 1989, als die Kurse deutscher Aktien im Sog der Wall Street in Frankfurt zwischen 10 und 25 Prozent ihres bisherigen Wertes verloren, lediglich im Besitz des „Dax-Put“, einem sogenannten „Bären-Optionsschein“ sein. Er kam im September 1989 zum Preis von 80 Mark auf den Markt und kostete am 16. Oktober ganze 210 Mark. Wer allerdings auf den gleichzeitig von der Dresdner Bank ausgegebenen „Dax-Call“ (Bullen-Schein) gesetzt hatte, verlor an diesem Tag – vorübergehend – mehr als ein Drittel seines Kapitaleinsatzes.

Die Konstruktion der beiden Dax-Optionsscheine, die sich mittlerweile zu einem beliebten Spekulations- und Absicherungselement entwickelt haben, ist recht einfach: Mit dem Dax-Call setzt der Anleger auf ein Ansteigen des Deutschen Aktienindexes Dax. Für jeden Punkt, den der Dax bei der Einlösung des Scheins oberhalb der Marke von 1750 Punkten notiert, zahlt die Dresdner Bank eine Mark. Bei einem aktuellen Indexstand von 1906 Punkten entspricht dies also einem rechnerischen Wert von 156 Mark. Tatsächlich notiert der für 90 Mark ausgegebene Schein allerdings bei 258 Mark. Die Anleger setzten offenbar auf einen noch weiter steigenden Börsenindex bis zur Fälligkeit am 28. September 1990.

Ganz anders sieht es beim Dax-Put aus, also dem Schein, der am „Schwarzen Montag“ so kräftig geklettert ist. Er wird von Anlegern erworben, die fallende Börsenkurse erwarten. Für jeden Punkt, den der Dax bei der Einlösung des Scheins unter 1600 Punkte – die Grenzen wurden von der Bank festgelegt – notiert, bezahlt die Dresdner Bank ebenfalls eine Mark. Rechnerisch ist der Schein momentan wertlos. Weil aber immerhin die Möglichkeit gegeben ist, daß der Index wieder fällt, bezahlen Anleger an der Börse heute immer noch 49 Mark dafür.

Doch nicht nur als Spekulationsinstrument eignen sich diese Optionsscheine, sondern auch zur Absicherung bestehender Engagements. Gerechnet wird dabei mit dem sogenannten „Hebel“ – eine Zahl, die aussagt, wieviel stärker sich der Preis des Optionsscheines gegenüber dem aktuellen Aktienkurs verändern wird. Der Dax-Put hat derzeit einen Hebel von fünfzehn, das bedeutet, sein Kurs schwankt fünfzehnmal stärker als der Dax selbst. Besitzt also ein Anleger ein Depot im Wert von 100 000 Mark, dessen Zusammensetzung etwa den Aktien entspricht, die der Dax repräsentiert, kann er mit einem Kapitaleinsatz von 6667 Mark (100 000 Mark geteilt durch Hebel fünfzehn) dieses Depot gegen Rückschläge des Aktienmarktes weitgehend absichern. Würde nämlich der Dax und damit der Depotwert fallen, bringt der Dax-Put einen entsprechenden Gewinn, der den Verlust bei den Papieren wieder ausgleicht.

Ein kleiner Wermutstropfen ist in diesem Zusammenhang allerdings die Laufzeit: Die beiden Dax-Optionsscheine laufen nur noch bis zum 28. September 1990 und verfallen danach ersatzlos. Käufer des Dax-Calls bekommen also nur Geld, wenn der Index bei Endfälligkeit über 1750 Punkten notiert, Käufer des Dax-Puts erhalten nur dann eine Zahlung, wenn der Index Ende September unter 1600 Punkten notiert – oder wenn sie den jeweiligen Schein rechtzeitig vor Fälligkeit an der Börse wieder verkaufen. Sind die Bedingungen nicht erfüllt, profitiert lediglich die Dresdner Bank von dem Geschäft. Solange der Index zwischen 1600 und 1750 Punkten steht, verfallen beide Tranchen. Notiert der Dax – wie momentan – über 1750 Punkten, muß die Bank zwar die Call-Tranche bedienen, der eingenommene Erlös für beide Tranchen (neunzig Mark plus achtzig Mark) sichert das Institut jedoch bis zu einem Indexstand von 1920 Punkten nach oben und bis zu 1430 Punkten nach unten ab.

Nicht nur von der Dresdner Bank gibt es solche Optionsscheine: Der Bankers Trust hat in Kooperation mit der Deutschen Bank ähnliche Indexoptionen auf den FAZ-Index aufgelegt, die bis zum Jahr 1991 laufen. Zahlreiche andere Institute, etwa die Commerzbank oder das Bankhaus Trinkaus & Burkhardt, bieten daneben Zins-Optionsscheine an, mit denen die Anleger auf steigende oder auf fallende Zinsen setzen können, aber auch ein bestehendes Anleihen-Portefeuille für den Fall weiterer Zinssteigerungen am Rentenmarkt gegen Kursverluste absichern können.

Durchaus interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Währungs-Optionsscheine, die etwa auf amerikanische Dollar oder englische Pfund lauten und mit sehr unterschiedlichen Basispreisen – beim Dollar etwa zwischen 1,6375 Mark und 1,8950 Mark – eine mehr oder weniger spekulative Anlagemöglichkeit darstellen.

Bereits im Jahr 1986 hat die Deutsche Bank eine dreiprozentige Anleihe aufgelegt, deren Rückzahlungskurs sich nach dem FAZ-Stand vom 15. August 1991 richtet: Die „Bull“-Tranche bringt dem Anleger bei steigendem FAZ-Index neben den Zinsen einen Einlösungsgewinn, die „Bear“-Tranche klettert bei fallendem Indexstand. Während die Anleihe freilich in jedem Fall – wenn auch zu unterschiedlichen Kursen – zurückgezahlt wird, müssen sich Anleger bei den Optionsscheinen zweier Probleme bewußt sein: Gerade in den letzten Wochen ist eine ganze Flut von Optionsscheinen mit unterschiedlichsten Bedingungen auf den Markt gekommen mit der Folge, daß durch die fehlende Markttransparenz die Verkäuflichkeit über die Börse je nach aktueller Marktlage nicht immer gewährleistet ist. Man kann also auf seinen Papieren sitzenbleiben. Zudem ist die Laufzeit auf ein bis zwei Jahre begrenzt. Danach verfällt der Optionsschein ersatzlos, wenn die Einlöse-Voraussetzungen (beim Dax-Put ein Indexstand unter 1600 Punkten) nicht gegeben sind – und der Anleger geht leer aus. Solidus