ARD, Montag, 26. Marz, 23.00 Uhr: "Der letzte Gast" von Hartmut Schoen

Das "Park-Hotel" in einem kleinen Schwarzwaldkurort ist pleite gegangen. Das vulgäre Wort "pleite" paßt nicht zu diesem Haus, das einst für die feine Gesellschaft errichtet wurde. Jedenfalls ist das Inventar von den Gläubigern versteigert worden – bis auf ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, das Mobiliar für die Hausverwalterin, die nun einzieht und bleiben soll, bis sich ein Käufer für das erste Haus am Platz gefunden hat. Da steht sie, triefnaß, auf kostbarem Parkett, die Pfütze wächst um ihre schwarzen Schuhe und Strümpfe, ein armes spätes Mädchen, das kaum den Mund zu öffnen wagt, wenn jemand mit ihr spricht.

Das Hotel und seine späte Hüterin – beide stammen aus einem anderen Jahrhundert; zu feinsinnig die Innenausstattung des Hauses, zu feinfühlig das Innenleben der Frau, als daß sie noch dazugehören könnten. Wozu gehören? Zu den groben, lauten Verrichtungen, mit denen man unten im Ort sein Geld verdient? Seit der Pleite, seit das "Park-Hotel" leer steht und diese schweigsame Frau mit dem mäkligen Gesicht darin umgeht wie ein Geist, ist aller Respekt dahin. Die Geschäfte des Schankwirts und des Metzgers gehen schlecht, und der Postbote sieht nicht ein, weshalb er Tag für Tag die Extratour machen soll, "nur wegen der".

Was er nicht weiß: Sie schreibt sich ihre Briefe selbst und lauert hinter der Tür, wenn er kommt, die Post durch den Schlitz zu schieben. Sie ist verzagt, und sie ist lüstern; eine Frau an der Schwelle zum Altwerden, die in diesem Palast den Himmel und die Hölle ihrer endgültigen Einsamkeit durchlebt. Bis die Männer des Ortes beschließen, sie zu vertreiben, weil sie nicht dazugehört und nicht dazugehören will. Sie versucht es nicht einmal, sich gemein zu machen ("gemein", was für ein herrlich doppelsinniges Wort), sie antwortet nicht auf die zudringlichen Fragen des Metzgers und des Postboten; sie hat in diesen leeren Innenräumen, die sie mit ihren Erinnerungen füllt, Vertrautes genug. Sie lebt für sich, gibt nichts von sich preis und nährt so Legenden, Spukgeschichten und Hexenphantasien, die ans Licht wollen, deren Reiz zu verführerisch ist im langweiligen Alltag des Ortes, als daß man sie ungeschehen lassen könnte.

Doch nicht nur sie, auch das Hotel am Berg soll weg, eigentlich, stellt man jetzt fest, hat es noch nie so recht dazugehört ... Ein sauberes Örtchen in deutscher Provinz, das vom Tourismus lebte, verarmt und findet zu sich selbst zurück; findet sich selbst und wird um vieles ärmer. Identität, was ist das – der Mut oder die Angst, nicht dazuzugehören?

Martin Ahrends